Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1916)
- Date
- 1916-05-01
- Page
- Seite 56 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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56 Ar. Fuchs: Nochmals Las „relative Judentum" der Atheist, der für die Iudenheit arbeitet, ist ebensoviel Jude wie der Theist (vorausgesetzt, daß beide als Hilden geboren sind). Die welEche Arbeit fürs Judentum geringer einzuschätzen hat niemand! ein Recht.' Als Mose vom Sinai die Tafeln brachte und das Volk das goldne Kalb anbeten sah, ließ ihm Gott die IVahl: das Volk oder die Tafeln, — und er zerbrach die Tafeln, in dem richtigen Gefühl: Die sO Gebote können wieder erstehen, wenn nur das Volk vorhanden ist; das Umgekehrte ist unmöglich. Das bedeutet: Auch für die Religion ist die conditio sine qua non das Volk. Mose hielt es für das Primäre! Wie dürften wir den verketzern, der ebenso denkt wie Mose! Nun fragt man: Ist aber der Zweck der jüdischen Stammesgemeinschaft nicht doch die Religion? Darauf antworte ich: Das weiß allein Gott! Wir kennen Sinn und Zweck nux bei dem, was wir selbst schaffen, und selbst da manchmal nicht in seiner ganzen Tiefe. E — Von dem objektiven Sinn und Zweck der Iudenheit unterscheidet sich allerdings das,- was wir zu unserer Zeit für ihre Aufgabe halten, d. h. als ihre Aufgabe, wünschen. Da dürfen wir wohl bei dem stehen bleiben, was 2. B. M. O, 6 ausspricht: „Tin priesterreich und ein heiliges Volk." Das bedeutet aber schwerlich: eine Gemeinschaft, in der jeder sein Hauptinteresse auf die Religion konzentriert, — sondern doch wohl nur: eine Gemeinschaft, die als Ganzes keine irdischen Interessen verfolgt, weder für sich, noch für ihre Mitglieder, sondern nur das eine ideale Ziel, ihre Mitglieder zu Tdelmenschen zu erziehen. Die Religion soll also für uns nicht Zweck, sondern Form des Lebens sein! Und nur damit sie dies wird, existiert nach unserer Meinung Juden heit und Judentum. Nicht bloß die jüdische Gemeinschaftsreligion, sondern die jüdische Gemeinschaft selbst soll nach unserem Wunsch als ihre tiefste Aufgabe die Förderung der allgemeinen Religiosität der Juden ansehen. Das ist . der richtige Sinn des Satzes : Das Wesen, der Zweck des Judentums ist die Religion! / Aber es ist klar, daß dieser Zweck nicht immer bewußt zu sein und nicht immer betont zu werden braucht. Richtiger ist es, mindestens heutzutage, den zweiten Gedankenkreis des Judentums in den Vordergrund zu stellen, und die Parole zu geben: Im Namen unsrer Gemeinschaft! Mein Vater ermahnte mich: Tin Jude geht nicht auf den Schützenplatzrummel! Das war jedenfalls verständlicher und wirksamer, als wenn er gesagt hätte: Gott verbietet es. Das Allgemeine macht auf uns weniger Tindruck als das Spezielle, das Menschheitliche weniger als das, was un^ eine engere Gemeinschaft, eine Gruppe sagt. Der Offizier sagt seinen Soldaten nicht/, seid hervorragende Menschen, ja nicht einmal: zeigt euch als Deutsche! Noch kleiner wählt er die Gruppe: Die Thre 'des Regiments, —odergar bloß: die Thre der Kompagnie steht auf dem Spiel! Je kleiner die Gruppe, desto enger ist der Einzelne mit ihr verwachsen, desto mehr ist ihre Sache die seine. — So, meine ich, sollen wir nicht immer rufen: Werdet religiös!, sondern: werdet oder seid Juden! Jüdisches Gefühl sollen wir pflegen — und ich bin sicher, daß die Forderungen der Religion dann chesser erfüllt werden als jetzt! Vielleicht ist dies das Geheimnis der Orthodoxie aller Religionen, daß sie ihre Forderungen erheben im Namen eben ihrer Orthodoxie. Theoretisch mag dabei die Religion zu kurz kommen, praktisch gewinnt sie! Damit erledigt sich auch der Streit über das Zeremonial, ob es „national" oder religiös sei: Ts ist eines der Lrziehungsmittel, mit dem die Iudenheit ihre Glieder Gott und den Idealen der Sittlichkeit näher bringt. -•; --