Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1916)
- Date
- 1916-05-01
- Page
- Seite 51 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Fuchs : Nochmals das „relative Judentum" 51 ideale Betätigungen religiöser Natur. Man kann gar nichts dagegen sagen, wenn jemand behauptet, das Wesen von Beethovens Musik, das Wesen der Wissenschaft, das Wesen des Deutschtums sei 'Religion: Sicherlich hat Beethoven in seiner Musik seine tiefsten Empfindungen, sein Verhältnis zu Gott ausgedrückt; sicherlich ist für den wahren Gelehrten seine Wissenschaft sein Gottesdienst („wer Wissenschaft und Kunst besitzt, der hat auch Religion"); und dem deutschen Patrioten ist sein Deutschtum etwas heiliges. So ist sicher auch das Judentum bis in seine letzten Aeußerungen religiös verankert. Aber das meint natürlich Goldmann nicht, wenn er sagt, . das Wesen des Judentums sei Religion. Er meint es in dem Sinne, wie wenn jemand im Gegensatz zu Beethoven etw!a Bach, oder im Gegensatz zu Max Bruch etwa Lewandowsky einen religiösen Musiker nennt. Lewandowsky hat äuch weltliche Musik geschrieben, aber sie fällt nicht ins Gewicht gegenüber seinen für die Religion bestimmten Werken. So sind die weltlichen Aeußerungen des Judentums irrelevant gegenüber seiner Religion! Ist schon diese Ansicht heute in Frage gestellt, um wie viel mehr, was Goldmann aus seiner^ These folgert: wer nicht religiös ist, ist kein richtiger positiver Jude. Ist denn ein weltliches Stück von Lewandowsky nun kein echter Lewandowsky? Ls muß doch nicht jeder, um Jude zu sein, gerade für das Wesen des Judentums, arbeiten! Ja, wenn das ganze Judentum Religion wäre! Aber das meint selbst Goldmann nicht! Ist jedoch nur das Wesen Religion, so muß es auch Menschen geben, die für das (nach Goldmann) peripherische, relative Judentum arbeiten. Rnd da dies oft gediegene Spezialkenntnisse und viel Zeit erfordert, so stehe ich nicht an zu sagen: Für weltliche jüdische . Angelegenheiten wäre es manchmal besser, daß sie von religiös indifferenten Sachverständigen statt von frommen Dilettanten geleitet würden, — vorausgesetzt nur, daß, jene ein lebendiges Interesse für ihre jüdische Gemeinschaft hegen! Freilich ist es das Beste, wenn Religion und weltliches Rönnen sich verbinden; denn die Religion spielt in viel mehr jüdischen.Dingen eine Rolle, als äußerlich erkennbar ist. Jedenfalls aber wirkt zumindest die weltlich-jüdische Arbeit auch indirekt zumt Nutzen der (Gemeinschafts-) Religion, — gerade weil diese das Wesen des Judentums ist! Nolens volens arbeitet der efojcwgje religiös gleichgültige Logenpräsident oder Zionist doch der jüdischen Religion in in die Hände. wenn wirklich die weltliche Arbeit in der Iudenheit im letzten halben Jahrhundert überwuchert hat: den Vorteil hat doch die jüdische Religion gehabt, die bedeutend erstarkt ist! — So hätte Goldmann M. L. schließen müssen. Nach Meiner eigenen Auffassung aber kann man noch weiter gehen. Da das innerste Wesen des Judentums Religion ist, so ist auch jeder einzelne Mensch, der wirklich jüdisch fühlt, denkt, arbeitet, in das reli-r giöse Wurzelwerk verstrickt, aus dem der Baum des Judentums erwächst; ohne, ja gegen seinen willen nimmt er und empfängt er daraus. Der atheistische Zionist wie der sozialdemokratische Iudenstämmling saugen unbewußt ihre Rraft aus der Religion des Judentums, das ihr Elternhaus ihnen in die Seele gepflanzt hat. Und andrerseits: wie der Strudel den nicht wieder losläßt, der sich an seinem Rande zu schaffen macht, so die religiöse Zentralkraft des Judentums nicht den, der für das peripherische Judentum arbeitet. Weit das Wesen des Judentums, eine bestimmte Art von Religiosität,' die Sonne des ganzen Systems ist, so wird auch der letzte Neptunsmond von diesem Lichte noch erhellt und erwärmt, wenn er auch nur um den Planeten kreisen will: die jüdisch-relative Arbeit beeinflußt die Frömmigkeit des Arbei-