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Liberales Judentum · 1916-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1916) · p. Seite 50

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Journal
Liberales Judentum
Volume
8 (1916)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1916)
Date
1916-05-01
Page
Seite 50 (sequence 2)
Language
German
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50 Ar. Fuchs: Nochmals das „relative Judentum" Geschichtlich vorurteilslos betrachtet ist das Judentum nie Religion allein gewesen. Selbst die Bibel ist nicht ein rein religiöses Dokument, viele Geschichten und Gedichte in ihr haben mit Religion schlechterdings nichts zu schaffen; ich erinnere nur an das Hohe Lied und die Genealogien. Die spätere jüdische Literatur enthält grammatische, geographische, historische und andere Wissenschaft, weltliche Poesie usw., die alle nur mit starker Vergewaltigung der Tatsachen in Beziehung zur Religion gesetzt werden könnten. Die geschichtlichen Erlebnisse der Iudenheit wird kaum jemand als Religions- oder Kirchengeschichte bezeichnen, wer aus dem Werk von Graetz das herausstreichen wollte, was keine Beziehung zur Religion hat, behielte wohl nicht viel mehr als die Hälfte übrig. Graetz nennt deshalb sein Werk auch nicht: Geschichte der jüdischen Religion oder dgl., sondern Geschichte der Juden. Selbst unter den speziell religiösen Ereignissen der jüdischen Geschichte lassen sich vielez. B. die» messianischen Bewegungen von Serubabel bis auf Herzl nicht von der Seite der Religion allein verstehen. Und nun bedenke man, um nur noch ein Rkoment zu nennen, die vielen jüdischen Betätigungen von heute, die neben der Religion ejnher laufen: Arbeit für Gemeindeverwaltung, Vertretung der Iudenheit nach außen, Kampf gegen jhre Feinde, das jüdische Vereinsleben, das sehr oft religiös indifferent sein will und muß, das Palästina- Werk und die so charakteristische Hilfsarbeit an den Mstjuden, die wohl im Sinne der jüdischen Religion, aber, doch wahrhaftig nicht um der jüdischen Religion willen geleistet wird, sondern um des Wohles unserer Brüder, um dieser Ulenschen willen, — gar nicht zu gedenken des, Unterstützungswesens in unserer Witte selbst, das nur mit großer Rlühe als jüdisch-religiöse Tätigkeit angesprochen werden kann, sondern allgemeine woralbetätigung ist, von und an Juden geübt. Nach alledem kann man wohl sagen: Die jüdische Religion ist ein quantitativ großer Bestandteil des Judentums, ob aber gerade der qualitativ wichtigste, ausschlaggebende^ die übrigen Teile bestimmende, das bedarf einer gründlichen und schwierigen Untersuchung. „Objektiv fest" steht das nicht! Fest steht nur die Juden heit, die jüdische wenschen - Gemeinschaft. Das Duden tum ist das geistige Korrelat zu ihr. Beide verhalten sich zu einander wie Körper und Geist bei Spinoza. Trägt man in den Begriff „Judentum" nichts weiter hinein, als was ursprünglich darin liegt, so kann man nicht anders sagen: „Judentum" ist die Geistesart und -arbeit, die für die Iudenheit kennzeichnend ist. Das ist sicher nicht bloß ihre Religion: Jüdische Religion und Judentum sind zweierlei. Zu den charakteristischen Bestandteilen des Judentums gehört z. B. außer den genannten Tätigkeiten für die jüdische Gemeinschaft auch alles, was man den Tharakter unseres Stammes zu nennen pflegt, das Ethos der Iudenheit. Das ist der „objektive" Tatbestand! wer möchte wagen, aus dieser Fülle der Gesichte das Wesen herauszuschälen und gar auf eine kurze Formel zu bringen! Am allerwenigsten darf man sich dabei von einem Parteiprogramm leiten lassen, wjie es der Satz ist: Das Wesen des Judentums.ist Religion. II, In einem gewesen Sinne kann allerdings auch ich den Satz ohne weiteres anerkennen: Das Wesen des Judentums ist Religion. Der Kern, das belebende Zentrum des jüdischen Geistes und Geisteslebens ist die besondere Art der Religiosität, die in dem jüdischen Religionss^stem sich ausdrückt; in der Tiefe geschaut ist das Judentum etwas Religiöses. Dieser Gedanke scheint auch' mir richtig. — Aber was ist damit gewonnen? Da Gott das höchste Wesen ist, so sind viele Ideale und

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