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Liberales Judentum · 1916-03-01 · Heft 3-4 (März 1916) · p. Seite 40

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Journal
Liberales Judentum
Volume
8 (1916)
Issue
Heft 3-4 (März 1916)
Date
1916-03-01
Page
Seite 40 (sequence 16)
Language
German
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40 Ar. Grlles: Zur Frage des JugendgMesdirnstes Annahme entgegentreten. Bevor ich dies aber tue, will ich einen Irrtum beseitigen, in dem sich Herr Dr. W. befindet. Wenn ich schrieb „die sechs-, sieben- und achtjährigen Rinder können noch nicht beten," so ist es doch selbstverständlich, daß ich gemeint habe, sie können noch nicht hebräisch beten, zumal es sich ja um die verständnisvolle Teilnahme der Rinder am Zugendgottesdienst handelt, der ja bekanntlich zum größten Teil aus Gebeten in hebräischer Sprache besteht. Daß ich den Rindern nicht die Fähigkeit abspreche, in ihrer Art zu beten, und daß. ich den hohen Wert eines Gebetes aus reinem Rindesherzen durchaus nicht unterschätze, bedarf wohl keiner weiteren Betonung. Ls ist ein altes psychologisches Gesetz, daß „die Gewohnheit zur zweiten Natur wird." Der Mensch, der schon in seiner Zugend den bösen Leidenschaften sich hingibt, wächst in ihnen auf und wird durch Gewohnheit schlecht. Wer es aber in seiner Zugend schon lerpt/Selbstzucht zu üben und sich daran zu gewöhnen, bei jedem Schritt sein Tun zu prüfen, der wird durch diese gewohnheitsmäßige Selbsterziehung ein guter Mensch. Rabbi Zosua wurde schon in seiner Wiege von seiner Alutter ins Lehrhaus gebracht, damit "sich das Ghr des Rindes beizeiten an den Rlang der Gottesworte gewöhne. Die Lindrücke, die ein kindliches Herz empfängt, dauern das ganze Leben an. Wenn die heute am Ruder sich befindende Generation vvin Rult der jüdischen Religion noch etwas versteht, ohne diesen Rult zu üben, so kommt es daher, daß sie in ihrer Zugend im Llternhaus und in der Synagoge Zeuge der Ausübung des Rultes gewesen ist. Als Rabbiner habe ich natürlich ein Interesse daran, daß der Gottesdienst in seinerjüdischen Ligenart erhallen bleibe und unsere Rinder rechtzeitig mit ihm bekannt gemacht werden, um ihn liebzugewinnen und zu übernehmen. Und das kann nur dadurch. geschehen, daß die Rinder selbst den Gottesdienst besuchen, keineswegs aber wie Herr Dr. Wachsner es tut, in Forin Eines Rlassenausfluges die Andachten aufzusuchen, um sie dann inr Unterricht „nach der sprachlichen und vor allen Dingen geschichtlichen Seite hin" zu besprechen. Der Rabbiner und Religionslehrer muß mit den Rindern bete n und nicht das Gebet durch philologische Rleinarbeit zerstückeln. Werden doch ohnehin die wichtigsten Gebete zuerst mit den Rindern übersetzt und besprochen. So sehr ich dafür mich einsetze, daß die heilige Schrift mit den Rindern nicht mehr in der althergebrachten Weise übersetzt, sondern grammatikalisch erklärt, geschichtlich besprochen und religiös erbauend behandelt werde, ebenso energisch lehne ich es ab, mit Rindern den Gottesdienst nur zu dem Zweck zu besuchen, um ihn als Rlassenpensum zu erörtern. Sind auch die Rinder noch nicht so weit, daß sie dem Gottesdienst folgen können, so will ich sie' dennoch im Gotteshaus nicht missen. Wollen wir, daß unsere Rinder das Gotteshaus — gleichviel ob mit liberaler oder konservativer Gebetsordnung — liebgewinnen, so müssen wir sie daran gewöhnen — gewöhnen und nicht „zwingen" — die heilige Stätte aufzusuchen. Sch habe noch immer die Lrfahrung gemacht, daß gerade die jüngsten Schüler am liebsten den Zugendgottesdienst besuchten, daß sie sich geradezu freuten, wenn sie ins Gotteshaus kommen durften, was doch ein deutlicher Beweis ist, daß ihr religiöses Lmpfinden nicht „gründlich zerstört" worden ist. Ließe man ihnen aber im Sinne des Herrn Dr. Wachsner „weit-- gehendste Freiheit," so würden sie vielleicht niemals das Gotteshaus aufsuchen. Darüber sind wir uns alle klar. Lin Mensch, der wenig am Gottesdienst teilnahm und „nach einigen unangenehmen Zähren" ins Gotteshaus kommt, findet sich hier nicht mehr zurecht und zu Hause, ihm ist die Stätte fremd geworden.

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