Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1916)
- Date
- 1916-03-01
- Page
- Seite 39 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Gelles: Zur Frage des Jugendgsttesdienstes 39 Würden mir Llber an ein anderes „Linst" denken, Menn ^ins dgs „Jetzt" gefiele? Würden wir von einer anders gearteten Ankunft reden, menn wir (mit der Gegenwart zufrieden wären? Würden wir ein Ideal herbeisehnen, wienn die- Wirklichkeit unfern Wünschen entspräche?' Nein, der gegenwärtige Zustand gefällt uns nicht, er kann uns nicht gefallen. Wohl müssen wir uns auf den Boden der Gegenwart, auf den Boden der Wirklichkeit stellen; wohl müssen wir mit der Tatsache rechnen, daß das Wort des Philosophen v!on dem „Krieg, aller gegen alle" noch immer zü Recht besteht. Und darum ziemt es sich, daß wir die Tugenden, die uns im Kampf gegen unsere Feinde zu Erfolg und Sieg führen sollen, gebührend rühmen und preisen, daß wir unsere todesmutigen Krieger verehren und ihrem Heldentum Lorbeerkränze winden. ' Den Krieg als solchen, jaber verherrlichen, ihn als eine Einrichtung preisen, ohne welche die Völker m alle Ewigkeit nicht werden bestehen können: nein, dazu werden wir uns nun und nimmermehr entschließen. Einen schöneren, helleren Glauben bewahren wir in unserem Kerzen; eine schönere, hellere Hoffnung erfüllt unsere Seelen: es ist der Glaube, der einst die Seele eines Jesaja erfüllte; es ist die Hoffnung, die er in seinem Hs erzen trug!. -Die Menschheit der Zukunft — so lautete sein Glaube, seine Hoffnung — dia Menschheit der Zukunft wird nicht die Menschheit der Gegenwart sein. Die Menschheit wird über sich selbst hinauswachsen, sie wird sich selbst überwinden. Sie wird den Mut sinden, Jahrtausende lang genährte Anschauungen furchtlos abzustreifen und neuen Anschauungen zu huldigen, die besser und edler sind! als die alten. Dann wird der kriegerische Wettkampf der Geschichte angehören, dann wird es nur mehr friedlichen Wettbewerb unter den Völkern geben, dann wird „die Erde voll sein der Erkenntnis des Ewigen, gleichwie die Wasser die Meerestiefe bedecken" (Jesaja "1 ... a ... Zur frage des Jugendgottesdienftes. \7on Rabbiner Dr. Gelles-Cissa. err Dr. phil. Wachsner-Berlin, der mit seinen psychologisch sehr beachtenswerten Ausführungen*) meinen früheren Auffatz „Hat sich der Iugendgottesdienst bewährt" ergänzen möchte, scheint nur den Kern der ganzen Frage nicht getroffen zu haben. Es handelte sich nicht darum, ob der Iugendgottesdienst weiter bestehen soll, sondern ob er nicht in einer anderen Gestalt bessere Erfolge erzielen wird. Auch verkennt Herr Dr. Wachsner das Wesen des Gottesdienstes, wenn er ihn deshalb ablehnt, weil er nicht der Individualität Rechnung trägt. Mit dem gleichen Rechte dürfte man fragen: Wie darf man ein gemeinsames Gebetbuch einführen, s. letzte Nummer des vor. Jahrg. in welchem die gleichen Gebete für alle Betenden zu finden sind, obwohl doch das Gebet gerade der Ausdruck des persönlichsten Empfindens ist? Und dennoch ist ein gleiches Gebet für alle berechtigt, weil ein jeder doch etwas anderes fühlt, etwas anderes sich denkt, obwohl er das gleiche Gebet wie sein Nachbar spricht. Wird so das Gebet durch das Empfinden individualisiert, so wird auch der gemeinsame Gottesdienst von jedem Teilnehmer anders innerlich erfaßt. Wenn aber Herr Dr. Wachsner meint, daß der Iugendgottesdienst das religiöse Empsinden der Kinder, die ihm noch nicht folgen können, „gründlich zerstört," so möchte ich gerade aus psychologischen Erwägungen heraus dieser