Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1916)
- Date
- 1916-03-01
- Page
- Seite 36 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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36 - Ar. Seligmann: Der Krieg und dir göttliche WrÜregrerung „Fühlst du deine ÜZualen nicht?" Er aber sprach: „Mein ganzes Leben lang habe ich nach bemüht, das höchste Gebot zu erfüllen: „Du sollst lieben den Ewigen'deinen Mott mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele!und mit ganzem Vermögen." Mit meinem ^ganzen Herzen und mit meiner ganzen Kraft glaube ich meinen Gott geliebt zu haben. Aber mit meiner ganzen Seele — wie könnte ich es anders bezeugen, qls indem! ich meine Seele fite ihn hinzugeben bereit bin?"H Mid was die Frömnngkeit Akibas durch die Tat vollbrachte, das leistete die fromme Weisheit Goethes durch jene seelische Wiedergeburt, zu er sich Hindurchrang und die ihn sprechen ließ: Lange habe ich. mich gesträubt, endlich geb ich nach wenn der alte Mensch zerstäubt, wird der neue wach. „Und f!o lang du das nicht hast, dieses: Stirb und" werde! Bist du Mir ein trüber Gast auf der dunklen Erde."H Und doch ist auch diese demutvolle Frömmigkeit noch nicht das letzte Wort in dieser Frage. Nicht mit dem resignierten Ausdruck der Weltüberwindung im Sinne einer Weltentsagung, auf welcher der Hauch schwermütiger Wehmut ruht, sondern mit dem stiolzen Siegeston einer kommenden Weltüberwindung im Sinne der Herrschaft über die. Natur, mit der tapferen Zuversicht, im Diesseits schon, in der natürlichen Welt, des' Uebels Herr zu worden, klingt unsere Antwort aus. Ein lichtvoller Ausblick in die Zukunft tut sich uns auf. Der Gott, der zugleich der! Urquell der natürlichen wie der sittlichen Welt ist, der Meister, in -dessen Händen die Fäden beider Welten sich geheimnisvoll verknüpfen, er hat den Menschen auf die Erde gesetzt,mjt der Bestimmung, h Talmud babli Berachot 61b: jemsehalmi ib. gegen Ende. Westöstlicher Divan 1, 18. die Versöhnung der beiden Welten durch seine TaL herbeizuführen. Nicht Gott will der Schöpfer des Menschenglückes werden, der Mensch soll seines Glückes eigner Schöpfer werden. „Vieles Gewaltige gibts, Gewaltigeres nichts als den Menschen."^) Allen anderen Wesen sind ihre Wege mit Notwendigkeit gewiesen. Aber dem Menschen ist verliehen, seinen Weg sich selbst zu bähnen. Ihm ist die Macht gegeben, über die blindwaltende, feindliche Natur da draußen und über die dämonische, leidenschaftliche und selbstsüchtige Natur in der eignen Brust den Sieg davon zu tragen. Das Unglück und djas Böse, Lrdenleib und Seelennot sind da, sind von der göttlichen Weltregierung zugelassen, um von dem Menschen überwunden zu werden. Selb st über windungundUeberwindun^ der äußeren Welt sind die weltgeschichtlicheAufgabe,dieBest i m m u ng der Menschheit. >,Du sollst die« Natur Dir untertan machen"/) dieses erste Gebot Gottes an "den Menschen, ist sein Segen Mnd sein Fluch) seine Größe und Not. Durch eigne Tat soll er den Fluch der- Not in Segen verwandeln und so' zu seiner letzten Größe emporsteigen. Die letzte Erfüllung des ersten Gebotes: „Du sollst die Erde Dir untertan ^machen", iwäre das Endziel der Weltgeschichte. Einst weissagten die Propheten Israels vion einer Zeit künftiger Herrlichkeit. In glutvollen Farben malen sie das Bild der goldenen Zukunft. Friedlich sitzt jeder unter dem Schatten seines Feigenbaums und seines Weinstocks. Alle Kriegswaffen sind in Friedensgeräte umgeschmiedet, klein Volk führt Mehr; Krieg mit dem anderen. Wolf und Schaf selbst weiden miteinander. Niedergerungen sind die Sünden der Selbstsucht und Leidenschaft, aus denen der Mensch sich 3) Sophokles. 4) 1. Mos. 1, 28. ' -