Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1916)
- Date
- 1916-03-01
- Page
- Seite 35 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Seligmann: Aer Krieg und die göttliche Meltrrgierung 35 Jede Tat verwandelt sich gleichsam, in «eine seelische Zelle, die unsere Seele organisch mit aufbauen hilft. Jede Tat verändert unseren moralischen Charakter, bildet unsere sittliche Persönlichkeit nach der guten oder schlechten Seite. Ls ist ein fürchterlicher Zusammenhang auch in den Begebenheiten des inneren Lebens. Die Fäden unserer Taten verknüpfen sich zum Lebensgewebe, dem wir nicht entrinnen können. Was beschuldigen wir die göttliche Weltregierung, wo doch an den meisten stlebeln, über die wir jammern, wir selbst die Schuld tragen? Seien wir vor allem gerecht! Sind ansere Leides wirklich alle unverdient? Liegen sie nicht zumeist in der sittlichen, in der sozialen Sphäre, die wir selber uns schaffen? Hat IGdtt diesen furchtbaren Weltkrieg als Himmelsplage über uns verhängt, oder haben ihn die Menschen durch ihre 'Sünden, für die wir alle' durch, lunser Tun und Lassen mehr oder weniger mitverantwortlich sind, -entfesselt? Wahrlich nicht das Schicksal, wir selbst sind unsere schlimmsten Feinde. Aber jene wirklichen Himmelsplagen, jene Prüfungen, denen der -arme Mensch ganz schuldlos gegenübersteht, gehören sie nicht vielleicht zur gewollten göttlichen Mrdnung derl Dinge, sind sie nicht vielleicht Gottes Voten, gesandt unser inneres -Auge aufzuschließen für den höheren Sinn des Menschendaseins? „Wer nie fein Brot mit Tränen >aß, wer nie die kummervollen Nächte auf feinem Bette weinend saß, der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte."^ iEline Leidenszeit wie diese redet zu uns mit mahnendem Ernst: Nicht an des Lebens vergängliches Glück hänge dein Herz! Wer im vergänglichen Glück den Sinn und Zweck des) Menschendaseins sieht, der muß frei- Goethe, Wilhelm Meister's Lehrjahre 1. Teil 2. B. 13. Kap. lich glauben, daß das Leben keinen Shm und Zweck mehr habe, wenn' ihm ein Glück zerbrochen ist. Lerne, daß das Menschendasein einen höheren Sinn habe, daß nach dem! göttlichen Willen die Bestimmung des Menschen nicht sei, nach'Glück zu trachten sondern sittliche Werte zu verwirkl.i ch e n, daß das Leben eine Aufgabe und keine Stätte des Anspruchs auf 'ungestörtes Glück, einej)fHichtundkein.?Vergnügen sei,2) eine besondere Aufgabe und Pflicht je nachdem, ob wir iU Armuk oder, in Reichtum, in Gesundheit oder in Krankheit, in liebender FamiliengeMsinschaft oder in trauriger Vereinsamung, in Freud oder Leid, in Frieden oder im Kriege leben?) Wohl stellt diese Forderung gewaltigen Anspruch an die sittliche Menschenkraft. jAber wir,.kö nnen diese Forderung erfüllen, und die Frommen und Weisen unter.den Menschen hglb e n sie erfüllt. Denn was heißt denn „Gott lieben" und „Gott ehrfürchten" im tiefsten Grunde anders als den Willen Gjottes zu dem eignen Willen machen, wjollen, was Gott will? Es ist das Schwerste, was die Religion von uns verlangt und das höchste, was Menschen leisten können. ' Jener Rabbi Akiba, von dem wir oben gesprochen haben, hat diese Liebe zu Gott" bewährt. Als die römischen Henkersknechte ihn zu Tode marterten, strahlte sein Angesicht wie von überirdischem Himmelsglanze. Da fragten ihn die weinenden Schüler: 2) vgl. Kant, „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten" (sä. Kirchmann) S. 12 ff. und „Kritik der Urteilskraft" ©: 314 ff., insbes. S. 321 Anm. 3) In demselben Sinne sagt auch Samson Raphael Hirsch (Jeschurun, 8. Jahrg. S. 560): „Bedarfs doch überhaupt nur eines kleinen Nachdenkens um einzusehen, daß Glück und Unglück, Gesundheit und Krankheit, Reichtum und Armut, Glanz und Elend, mit Nichten nur als Lohn und Strafe der Sterblichen zu begreifen seien. Sie sind ebenso oft nichts, als die besonderen Nüancen der... zu lösenden Ausgabe des Lebens.