Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1916)
- Date
- 1916-03-01
- Page
- Seite 34 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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34 Ar. Seligmann:Mer Krieg und dir göttliche Meltrrgierung > Und es gäbe keine natürliche Weltordnung, wenn Gott die mechanischen 'Kräfte derj Welt und ihre unverbrüchliche Verkettung, die der Ausfluß seiner ewigen Weisheit sind, zerstörte um dessenwillen, wäs die törichten und selbstsüchtigen Menschen Glück oder Unglück nennen. Wenn — mit einem Worte — nicht Gottes Wille, sondern der Menschen Wille geschehe?) Die natürliche Welt ist nach dem göttlichen Willen aufgebaut auf dem unwandelbaren Gesetz von Ursachen und Wirkungen. Diese Beziehungen der wirkenden Kräfte und ihre notwendigen Folgen können in keinem einzigen Falle modifiziert oder ausgeschaltet werden ohne sofort das Gleichgewicht der Himmelskräfte und ihre Harmonie zu zerstören. Müßte Gott nicht in jedem einzelnen Falle in die geheimnisvolle Spalte zwischen Ursache und Wirkung greifen, müßte er nicht die wstnderbare Gesetzmäßigkeit des Weltlaufs, worauf allein unser Vertrauen in Welt und Gott, worauf alle Sicherheit und Voraussage wissenschaftlicher Forschung beruht, aufheben, wenn er in jedem Augenblicke unsere unbedachten Wünsche und Forderungen befriedigen wollte? Müßte er nicht dem oder jenem guten Menschen zuliebe, um ihn aus Gefahr zu retten, bald zum Feuer sprechen: „Brenne nicht!" bald zum Sturmwind: „Brause nicht!" bald zum Wasser: „Fließe nicht!" bald zum Gesetz der Schwere: „Existiere einen Augenblick nicht!" *) Diese Gedanken finden ihre Stütze in Maimonides Nors nebuchim 3, 10 (gegen Ende), 11 u. 12 insbesondere in der Stelle 3,12: „Jeder Tor wähnt, daß die ganze Welt nur um seinetwillen da sei und daß sein Wohlergehen der alleinige Weltzweck sei; wenn dann der natürliche Verlaus der Dinge ihm zuwider ist, so folgert er, daß die ganze Welt voll des Hebels sei. . . Die Uebel entspringen aus der natürlichen Weltordnung des Werdens und Vergehens; der Mensch steht unter ihrer Herrschaft, insofern er selbst Materie ist u. s. w. Sp daß jede ^Zuversicht stnd Sicherheit, ob währ ob falsch, ob fest ob schwankend, ob heiß, ob kalt, ob Tag, ©fr Nacht, lob oben, obl unten, oh Sein, ob Nichtsein, jeder Verlaß auf allgemein giltige Gesetze dahin sein müßte. Gott ist — wenn man so sagen darf — ein konstitutioneller Herrscher, der ß)em pon ihm) beschworenen Gesetze die Treue hält. Lr ist ejn zuverlässiger (Sott2 3), zu dem man Vertrauen haben kann, ah er kein despotischer Herrscher, kein wetterwendischer, wankelmütiger, bald hierhin bald dorthin gezogener Gott, der nach der Laune des Augenblicks, aus' Willkür sein .heiliges Gesetz, oder wie die Bibel sagt, den) Bund, Ihen er mit Himmel und Erde geschlossen^, aufhebt. Aus den Fugen ginge die Welt, wenn jGott nur ein einziges Mal das Gesetz der Schwere .aufheben würde. Wenn du auf schwindelndem Bergesgrat ausgleitest, so wirst du unfehlbar in den Abgrund stürzen.- Du stürzest, aber nicht ab, weil du unsittlich wärst, sondern weil dich, wenn du den Halt verlierst), das Gesetz der Schwere — dem ldst aus Mangel an Vorsicht nicht genügend Rechnung trügest, und das ist freilich deine Schuld — in den Abgrund zi)eht. Und wenn umgekehrt die mörderische Kügel draußen dein Leben oder das Leben deiner Lieben verschont, so geschieht es nicht, darum, weil du fromm bist und deine Liebest fromm sind, sondern weil natürliche, mechanische Gesetze es bewirken,. Alles in der Welt hat Folgen derselben Art. Mechanische Ursachen haben mechanische Folgen, und sittliche Ursachen haben sittliche Folgen. * Nach unwandelbaren Gesetzen entwickeln sich auch die sittlichen Folgen unserer iTatcn stich bringen Früchte derselben Art hervor. 2) El neemon. 3) Jeremia 33, 25. — vergl. Jeremia 31, 36. Psalm 104, 9.