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Liberales Judentum · 1916-03-01 · Heft 3-4 (März 1916) · p. Seite 32

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Journal
Liberales Judentum
Volume
8 (1916)
Issue
Heft 3-4 (März 1916)
Date
1916-03-01
Page
Seite 32 (sequence 8)
Language
German
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32 Ar. Seligmann: Mer Krieg und die göttliche Mrltregirrung Und doch liegt diesem Gedanken von der Vergeltung im Jenseits eine Wahrheit zugrunde, in deren Tiefe wir nur .hinabsteigen müssen, um das Walten der göttlichen Weltregierung zu ahnen. Es gibt in der Tat zwei Velten, ein Diesseits und ein jenseits, eine Welt der Zeitlichkeit und eine Welt der Ewigkeit, nur daß das Jenseits, wie schon Maimonides sagt, nicht nach dem Untergang dieser Welt, nicht als jüngstes Gericht zu denken ist, sondern das Jenseits ist heute schon da;^ es ist die überzeitliche und übersinnliche Wirklichkeit, die Welt des sittlichem Geschehens. Und es gibt eine Vergeltung jm jenseits in dem Sinne, daß auch in diesem unsichtbaren Reich der Sittlichkeit ewige Gesetze mit furchtbarer Gerechtigkeit walten. v Die Welt der sittlichen Wirklichkeit und die Welt der sinnlichen Wirklichkeit aber gehen jede nach ihren eigenen Gesetzen ünd greifen nicht willkürlich Aneinander. ' Unser Grundirrtum jedoch ist, daß die sinnliche Welt mit ihren mechanischen Ursachen und Folgen der sittlichen 'Welt von vornherein und unter allen Umständen dienstbar sein müsse, unser törichter und selb süchtiger Wunsch ist, daß um unseres Lintagsglückes willen, wobei meist noch das Glück des Einen das Unglück des Andern wäre, die natürlichen Ursachen hineinragen sollen in die sittliche Welt und »die sittlichen Ursachen in die natürliche Welt. Es gibt ein schönes deutsches Märchen, das erzählt von einem Cartöe, wo die Vögel gebraten in der Luft herumfliegen, wo es von jallen saftigen, Leckerbissen wimmelt; wo es süßen Lsonigj' regnet und klaren Zucker schneit. Ach, das Ulärchen ist das Entzücken: unserer lieben Kleinen, und sie jammern mit dem Märchenerzähler: „Wie schade daß der Weg zum Schlaraffenland nutz Einem bekannt ist, der kann ihn aber nicht'zeigen, weil er blind ist!" Wir lächeln über den eitlen Kinderwunsch; aber ist das nicht auch ein Schlaraffenland, das wir Erwachsene in unserer kindlichen Torheit oder überspannten Weisheit uns träumen und wünschen, ein Schlaraffenland der göttlichen Weltregierung? So war einmal ein Weltweiser, der hatte eben ein glänzendes Kapitel über das Elend der Menschen und die Mängel der göttlichen Weltregierung geschrieben. ~ Wie einem schlechten Schüler hatte er dem lieben Gott all seine Fehler aufgezählt und saß höchst befriedigt über seine gelungene Arbeit an seinem Schreibtisch. Es war spät in der Nacht. Die Lampe war schon heruntergebrannt, melancholisch tickte die pendelnde Wanduhr, und ein einsamer verirrter Nachtfalter umkreiste gespenstisch die trübe Flamme. Da schlich auf leisen Sohlen die stille Müdigkeit zu dem einsamen Weisen und schloß ihm sanft die Augen. Und sieh, da schwebte es schattenhaft heran und zog leise, leise magische Zirkel um den Schlafenden:. Der Geist des Trannnes umsing ihn mit weichen, geheimnisvollen Armen und trug ihn empor durch endlose Weiten. Zn dämmernder Ferne versank die Erde, jmmer lichter, immer verklärter, immer lilienweißer ward's um ihn. Liebliche Engelscharen schwebten schimmernd auf und nieder, und die Lüfte klangen von ihrem cksosiannasingen. Wie ein sonnengoldnes Meer umflutete es ihn rings. Da merkte er, daß er im Ljimmel sei. Und da saß auch Gjott auf seinem Thron von Licht und Glanz. Undl? als der Weltweise in den bsimmelssaal hineinkam, da stand der liebe Gott von seinem Throne auf und sprach zu ihm: Lieber Freund, willst -Du nicht ein bischen die Welt regieren? h Mischne Thora, Hilchot Teschuba 8, 8.

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