Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1916-03-01 · Heft 3-4 (März 1916) · p. Seite 31

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
8 (1916)
Issue
Heft 3-4 (März 1916)
Date
1916-03-01
Page
Seite 31 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3126481-3126571-3126573--2071-3128908
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

i Ar. Keligmann: Der Krieg und die göttliche Mrltrrgirrung 31 der Seele — wem heute noch dieser Glaube die Lösung unseres Problems ist, dem ist sie wirklich eine letzte weltüberwindende Lösung', den macht sie selig in seinem Glauben und hoffen, dem gibt letzten Lndes auch unser Weltkrieg keine unlösbaren Rätsel zu lösen. 'Die Anstifter und Schürer dieses Weltkrieges, die die Verantwortung für allen Kammer tragen, werden dort vor dem Richter der Welt zur Verantwortung geladen, die Gefallenen, die Verstümmelten, die Geschändeten, die Vertriebenen, die Verwaisten, die Vereinsamten werden eingehen in .die Pforten ewiger Seligkeit. Aber die Weltweisheit und die sittliche Stimmung unserer Zeit und schon des alten Judentums^) weift diese Vertröstung auf ein Zenseits zurück. Md er glauben wir wirklich und. trösten uns damit, daß die Anstifter dieses blutigen Völkermordens zu ewiger Völlenqual verdammt, die gefallenen Melden aber und alle anderen Opfer dieses Krieges der ewigen Seligkeit teilhaftig werden? Von der ethischen wie von der logischen Seite her ist diese Lösung des Gerechrigkeitsproblems überaus anfechtbar. Abgesehen davon, daß die grausamen Vorstellungen von den bsöllenstrafen, ein unsittliches Schwlelgen in Rachegefühlen und! die verzückten Vorstellungen der Paradiesesfreuden ein unwürdiges Schwelgen in sinnlichen Freuden und Genüssen bedeuten — wäre das) wirklich Sittlichkeit zu nennen, die nur darum sittlich ist, damit sie einen Wechsel *) Schon Simon ben Lakifch, der palästinensische Arnoräer meint (Aboda sara 3b): „Es gibt keine Hölle in der jenseitigen Welt." Aehnlich Rab. Jochanan, der das „Jenseits" nur als das messianische Reich gelten lassen will (Berachot 25 a). Von den jüdischen Religionsphilosophen spricht sich Maimonides in seinem Attschna-Kommentar (Einleitung zum 10. Perek von Shnhedrin) und in Mischne Thora (Hilchot Teschüba, 8, 8) entschieden gegen die grobsinnliche Vergeltungslehre aus. Noch bedeutungsvoller und nachdrücklicher, aber Crescas (Or adonai II 5, 5\ der die Seligkeit gleich setzt mit der Liebe zu Gott. Auch Vachja (Herzenspflichten ed. Stern S. 237) sagt: «Die jenseittge Vergeltung hat keine andere Bedeutung als Anhänglichkeit an Gott und Erleuchtung durch sein Licht". auf jenseitige Glückseligkeit empfange? Wären dann die Frommen nichts darum nur fromm, um dafür die Rechnung im Jenseits zu präsentieren? Wo bliebe da die freie. Nur. aus innerem Pflichtgefühl hervorgegangene Sittlichkeit? k)at darum nicht schon der alte jüdische Weise gewarnt: „Seit) nicht w/ie Knechte, die dem cherrn. dienen, mir um Lohn dafür zu empfangen."-) Aber nicht nur die Ethik kommt zu kur; bei diesem Vergeltungsglauben, sondern auch die Logik. Ls geht doch! sticht Allen schlecht, die auf Lrden fromm sind. Wenn es nun dem einen Frommen auf Lrden gut geht und dem Anderen schlecht,! ünd Beide kommen dann ins Himmelreich, ist da der Line nicht doch bevorzugt gegen den Andern, denn er stat doppelten Lohn, hienieden und im Jenseits. Der Andere aber muß sich noch im Fimmel über die Ungerechtigkeit ärgern, die ihn auf Lrden zu kurz kommen ließ. Und es geht doch nicht Willen gut, die auf Lrden Böfewichter sind. Wenn es nun dem> einen Bösewicht auf Lrden schlecht geht und dem Anderen gut, und > beide kommen in die Hölle, ist da der Line nicht doch benachteiligt gegen den. Anderen; denn jder Line hat doppelte Strafe, .hienieden und im Jenseits, der Andere aber hat wenigstens. auf Lrden in Herrlichkeit und Freuden geschwelgt. Woraus denn mit logischer Konsequenzj der Gedanke folgt, daß schon das Glücklichsein, das Reichsein auf Lrden eme Sünde sei, welchen Gedanken das neue Testament zu Lnde gedacht hat, wenn es sagt: „Lher wjird ein Kamel durch ein Rjadelöhr gehen als ein Reicher in das Himmelreich kommen."* * 3) -) Talmud, Pirke Aboth 1, 3. — Vergl. Aboth be&i R. Nathan 5, 2, wo der Autor dieses Spruches, Antigonus aus Socho, als Begründer der saduzäischen Lehre genannt wird. 3) Matth. 19, 24. s. auch Lucas 6, 20 und insbesondere Lucas 16, 26. — Die jüdischen Apokalyptiker und einzelne Talmüdstellen betonen freilich, um dem logischen Einwand zu begegnen, daß die Vergeltung „Maß für Maß" erfolge.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.