Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1916)
- Date
- 1916-03-01
- Page
- Seite 29 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. SMgrnarm: Aer Krieg und dir göttliche Meltrrgirrung - 29 der schweren Schicksntsstunde unseres Vaterlandes eine tiefe Büßstimmung und stille Demut, eine Einkehr in uns selbst und eine Abkehr mm den Eitelkeiten, an die wir unser Leben allzuviel gehängt Haben, hervorgehen. . , Nur dürfen wir nicht in den Fehler der unleidlichen Bußprediger verfallen, die bei federn Unglück, das unverschuldet über Stadt und Land kommt, weidlich auf die sündige Seele schimpfen und mit dem Kapuziner in Wallensteins Lager ausrufen: „Das schreibt sich her von euren Lastern und Sünden". In diesem Sinne ist die alte prophetische Lösung unseres Problems nicht mehr brauchbar für uns. Es widerstrebt unserem Wahrheitssinn, die göttliche Weltregierung mit offenbarer Selbsttäuschung zu verteidigen. Die Weltgeschichte und das Schicksal jedes Einzelnen sind kein so glattes Rechenexempel, das ohne Rest aufgeht. Glück ünd Leid, Nacht und Licht sind bunt gemischt unter Gute und Böse.. „Ohne Wahl > verteilt die Gaben, ohne Billigkeit das Glück. "^) Die Geschichte ist kein Gottesurteil. Ja, es liegt eine Gefahr 'in dieser naiven Weltbetrachtung. Als Ticero auf dem römischen Forum für den räuberischen Erpresser Flaccus, der sich an der jüdischen Tempelspende vergriffen hatte, eine Verteidigungsrede hielt, suchte er die Sache der Juden-dadurch herabzusetzen, daß er ausrief: „Wie wenig beliebt die Juden bei Den Göttern sind, hat sich dadurch gezeigt, daß ihr Land erobert worden ist."-) Es ist nicht wahr, daß die siegreiche Sache immer die sittliche Sache, die Sache Gottes ist?) Sind die Engländer Lieblinge Gottes, weil es ihnen gelungen ist, die Buren ihrer h Schillers Gedicht „Das Siegessest". 2) Cicero pro Flacco 28. 5) victrix causa diis placuit. Lucanus, Pharsalia, 1. 128. Freiheit und ihres Landes zu berauben? Weil sie die Inder geknechtet haben? Waren alle jene Evoberervölker, die mit eisernem Schritt über die Erde stampften, die Skythen, die Hunnen, die Mongolen unter Tamerlan, die Russen unter den Romanows, die so viele edle Kulturvölker erbarmungslos niedergetreten haben, die Edleren, Besseren, Frömmeren? Waren die Lazedämonier, die bei Thermopylae fielen, die Gstgoten, die von den Worden Iuftinians hingemordet wurden, die Schlechteren, Unedleren? Nein, eine Sache wird nicht dadurch als gerecht erwiesen, daß sie den Erfolg für sich hat. Tausendmal hat das Laster triumphiert, und das Edle ist ohne Schuld zerbrochen worden. Dort schleppen sie den Besten seines Volkes, den frommen Weisen Rabbi Akiba zum entsetzlichen Martertode. Mit eisernen Kämmen reißen ihm die Römer das zuckende Fleisch vom Leibe. Da brach selbst aus dem Rlunde seines frommen Volkes die bittere Frage zum Simmel empor: „Ist das der Lohn der Frömmigkeit"?^) Aber schon die Bibel selbst erhebt einen himmelstürmenden Protest gegen die alte naive Anschauung, einen Protest, der im Buche Hiob zu gigantischer Entladung kommt. Alles Unglück der Welt stürint auf Hiob ein: Verarmung, .Tod seiner Kinder, qualvolles Siechtum. Wir, die der Dichter hinter die Kulissen schauen läßt, wissen, daß Hiob unschuldig ist. Die Freunde Hiobs wissen es nicht. Sie waren gekommen, ihn nach ihrer Weise zu trösten. Sie wollen über den Sinn . -seiner Leiden zu ihm sprechen. Ihr Wort verstummt im Anblick des majestätischen. Schmerzes. Sieben Tage und sieben Nächte sitzen sie schweigend mit ihm im Staube. Dann aber wagt sich, schüchtern zuerst, dann immer bestimtmter die alte Büßrede auf 4) Talmud, Menachot 29 b.