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Liberales Judentum · 1916-03-01 · Heft 3-4 (März 1916) · p. Seite 28

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Journal
Liberales Judentum
Volume
8 (1916)
Issue
Heft 3-4 (März 1916)
Date
1916-03-01
Page
Seite 28 (sequence 4)
Language
German
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28 Ar. Seligmann: Aer Krieg und die göttliche Weltregierung bis zu den letzten Propheten: Was der Mensch leidet, muß er verschuldet Huben, wenn Mose stirbt, ohne das gelobte Land betreten zu haben, so muß selbst ein Mose gesündigt haben, und wenn man sich noch so sehr? abquälen muß, seine Sünde szu'entdecken. Wenn die Israeliten in der wüste umkommen, eine ganze Generation, so muß diese Generation verdient haben, in der Wüste zu sterben. Wenn die Völkerstürme wider Israel heranfluten, muß es furchtbare Schuld auf sich geladen haben — damit die Gerechtigkeit und Güte der Weltregierung gerechtfertigt dastehe. So verstehen wir erst die markerschütternde Bußrede: „lqa, schuldbeladenes Volk, Rotte von Sündern! Jedes biaupt ist krank und jedes bserz verderbt, von der Fußsohle bis zum Scheitel ist nichts heil; darum ist euer £art£> zur wüste geworden, find eure Städte verheert. "^) Das hat selbst einen Mann wie Goethe irregeführt. Er meint, „das israelitische Volk hat niemals viel getaugt, wie es ihm! seine Anführer, Richter, Vorsteher, Propheten tausendmal vorgeworfen haben."-) Er ernannte nicht, daß die Propheten mit dem Gedanken der göttlichen Gerechttgkeit so furchtbar Ernst gemacht haben, daß. sie nach der Größe des Leidens Israels die Größe seiner Schuld bemaßen. wie weit dieser prophetische Grundgedanke die Bibel beherrscht, zeigt unter anderem auch das Epos von der Sintflut und vom sogenannten Sündenfall. Wenn alle Menschen, ja selbst die Tiere, vion der Sintflut, die doch eine Schickung des gerechten Gottes war, hinweggerafft wurden, dann mußte eben — man achte auf den Wortlaut — „alles Fleischseinen Wandel verderbt haben,"* 2 3) mit der einen Ausnahme des geretteten Noa. ') Jesaja 1, 4 ff. 2) Wilhelm Meisters Wanderjahre 2. B. 2. Kap. 3) 1. Mos. 6, 12. Und wenn der Gott der Gerechttgkeit und der Güte am Ende jedem Menschen dasselbe Los bereitet, wenn er den Tod wie ein drohendes Gespenst in das blühende Leben gestellt hat, dann hat wieder nicht Gott das getan, sondern die Menschen selbst haben dieses Los verschuldet, weil sie das Gebot Gottes übertreten haben, das ihnen verkündete: „Sobald du von dem Baum issest, mußt du des Todes sterben."4) So ist selbst der Tod von den Menschen verschuldet, ein Gedanke, den bekanntlich das Christentum zur Lehre von. der Erbsünde ausgebaut hat. Im Judentum selbst erhob sich schon früh eine Reaktton gegen diesen Gedanken, die in dem Worte Jeremias ihren klassischen Ausdruck fand: „wenn die V ä t e r saure «Trauben gegessen, sollten dafür die Zähne der Rind e r stumpf werden? Nein, jeder wird um seiner Schuld willen sterben."3) Und auch die ewigen Bußreden wider Israel wurden dem großen Propheten des babylonischen Exils zu viel. «Sie erschienen ihm unerträglich und ungerecht. Darum wiendet er sich beschwörend an die Propheten: „Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott! Redet zum Kerzen Jerusalems und verkündet ihm, daß ihm zwiefach heimgezahlt wurde für alle seine Sünden."3) Aber bei alledem ist nicht zu verkennen, welche gewalttge ethische Rraft in dieser prophetischen Auffassung des Unglücks als Strafe für unsere Sünde liegt, eine ethische Rraft, die wir auch für unseren Weltkrieg verwertenkönnen, wenn wir aus der Not der Zeit einen sittlichen Antrieb zum Guten, einen Zuchtmeister .unserer Seele uns schaffen, der uns zu immer höherer sittlicher Selbstvervollkommnung emxorreißt. Mag immerhin aus 4) l Mos 2, 17. 6) Jeremia 31, 29. 30. — Vgl. auch Ezechiel 18, 2—20, wo der Gedanke der Erbsünde mit aller Schärfe abgewiesen wird. 6) Jesaja 40, 1—2.

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