Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1916)
- Date
- 1916-03-01
- Page
- Seite 27 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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27 Ar Seligmann: Per Krieg nndie göttliche Mettregierung große Rätsel des Lebens, in das tiefe Meer des Leidens und sie die uralte Schicksalsfrage tun ließ, die in das tiefste Geheimnis aller Religion hineinragt, die Frage nach der Liebe und Gerechtigkeit Gottes. Und das heißt die Frage nach dem Dasein Gottes selbst. Denn was wäre das für ein Gott, der nicht Liebe und Gerechtigkeit wäre? Und wer dürfte sogen, er habe den letzten -Schleier gelüftet und der Vorsehung ins Antlitz gesehen? Ueber die Brücke zur jenseitigen Wirklichkeit ist kein Lebendiger geschritten. Rein Prophet, kein Gottesmann. hat dieses Problem bis zum letzten Ende ohne Rest gelöst.!! Viele haben in heißen Stunden gerungen mit diesem Problem, und Niemand vielleicht gewaltiger als das Volk der Bibel. Ja, ich meine, in ihrer ganzen Tiefe versteht man die Bibel erst, wenn man in ihren Wendungen und Worten, in ihren Geschichten und Gedichten, in ihren welterobernden Gedanken Und welterlösenden Lehren gelernt hat, nichts anderes zu schauen als Lösungsversuche unseres großen Problems von der Weltregierung Gottes. Nur einige wenige dieser Lösungsversuche, die bedeutsamsten aus der unerschöpflichen Fülle, mögen das Gesagte beleuchten. Vor Jahrtausenden wurden durch einen plötzlichen vulkanischen Ausbruch, der einen Strom von Schwefel wie vom Fimmel herab regnen ließ, zwei große blühende Städte der alten biblischen Welt verschüttet. Rein Lebender blieb verschont. Da steht ein einsamer Frommer, angesichts der grausamen Vernichtung, versunken in die Rätsel des Seins, und fragt sich: .„Sollte der Richter der ganzen Erde nicht Gerechtigkeit üben?"^) wie wäre es auszudenken, daß Gott den Frommen mit dem Gottlosen untergehen lassen könnte? Sollten aber wirklich a l l e Bewohner Sodoms und Gomorrhas, alle ausnahmslos geh 1. Mojes 18, 25. sündigt haben, da sie alle von der göttlichen Heimsuchung so hart getroffen wurden? Sollten keine fünfzig, vierzig, dreißig, «zwanzig, .sollten keine zehn Fromme in der Stadt gewesen sein? — Und er kommt zu dem Schluß: Nein, es können keine Schuldlose in Sodom gewesen sein, sonst wären sie nicht umgekommen, denn Gott kann nicht ungerecht sein. Das ist die in ihrer grandiosen Gläubigkeit so packend wirkende Grundansicht der Bibel: wem es schlecht geht, der muß es verdient Haben, wen Unglück heimsucht, der muß gesündigt Haben. Von diesem Glauben ist die Seele der psalmisten erfüllt, wie von berauschendem Trank: „Der Fromme blüht wie die Palme, wie Libanons Zeder wächst er zur Höh';" „Die Frevler aber werden vertilgt, die Bösewichter schwinden dahin — um kund zu tun, daß Gott gerecht ist, kein Vorwurf an ihm."-) Das ist der Grundakkord, der in tausendfacher Variation aus den geschichtlichen, aus den poetischen und prophetischen Schriften widerklingt. Am charakteristischsten vielleicht im Buche der Richter, wo die stereotype Wendung wiederkehrt: Und die Rinder Israels taten, wasböse war in den Augen Gottes, da rum gab sie Gott;in die Hände ihrer Feinde; dia schrien die Rinder Israels zu Gott empor, sie wurden wieder fromm, und .Gott erweckte unter ihnen einen Helden, einen Richter, der sie befreite?) Ihr äußeres Gluck' und Unglück war von dem Gott der Gerechtigkeit verhängt als Lohn und Strafe für ihr sittliches Verhalten. Ls ist dies eine ganz besondere Art von weltgeschichtlicher Betrachtung, für die der deutsche Dichter das berühmte Wort geprägt hat: „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht."^) Ls ist der beherrschende Gedanke der prophetischen Geschichtsschreibung von der Thora 8) Psalm 92, 13 u d 16 2) Richter 2, 11 ff. Schillers Ged. „Resignation".