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Liberales Judentum · 1916-03-01 · Heft 3-4 (März 1916) · p. Seite 26

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Journal
Liberales Judentum
Volume
8 (1916)
Issue
Heft 3-4 (März 1916)
Date
1916-03-01
Page
Seite 26 (sequence 2)
Language
German
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2o Ar. Seligmann: Der Krrrg und die göttliche Meltregrerung unbekümmert ihren alltäglichen Lauf, und Gott im Fimmel schaut alles schweigend, duldend, gelassen! wenn ein Gott ist, der dieses Menschengeschlecht geschaffen, warum läßt er diesen Wahnsinn zu? Diese unerhörte Vernichtung von Kultur und Menschenglück? Diese Entfesselung aller ruchlosen Leidenschaften? Diesen namenlosen Schmerz und himmelschreienden Jammer? wo ist ein Sinn -in all diesem furchtbaren Erleben der Gegenwart? Wohl sagt man mit Recht, daß der Krieg ein Erzieher sei^ ein Erzeuger heroischer Tugenden, daß er gebundene Kräfte befreie, die ohne 'ihn nie ans Tageslicht gekommen wären. Er bewährt vor allem die ungeheure Anpassungsfähigkeit des Menschen, die ihn stark macht, alle unerhörteste Not und alle Tragik des Lebens zu erdulden und zu überwinden; und -indem der Mensch trägt und" überwindet, wachsen ihm gleichsam neue Seelenorgane, die sonst verkümmert geblieben wären, verwirklichen sich unentdeckte Entwicklungsmöglichkeiten, die den Menschen größer erscheinen lassen als je zuvor. Insofern ist der Krieg in der Tat ein s Erbauer und Schöpfer, und der Dichter hat Recht, wenn er singt: „Aber der Krieg läßt die Kraft erscheinen, alles erhebt er zum Ungemeinen, selbev den Feigen erzeugt er den Mut."^) Aber wenn der Mensch aus jeder Giftblume Honig saugen kann, hört das Gift darum auf, Gift zu sein? wiegt dieses eine Gute des Krieges alles millionenfach schwerere Böse auf? Soll diese heroische ^Deutung des Krieges eine Rechtfertigung sein für alles hingemordete blühende junge Menschenleben, für alles zerstörte Familienglück, für alle trostlose Vereinsamung, für alles jammervolle Siechtum unzähliger Männer und Jünglinge, für alle Vernichtung vdn Kultur, für alle wiederkehrende Verrohung, für alle barbarischen Taten der vertierten Menschheit, die wie der Brudermord' Kains zum Fimmel schreien? Kann das -der Wille Gottes sein, daß ein Gutes mit so tausendfachem Elend erkauft werde? wie heißt es doch in Nathan ders weise: „wenn an das Gute, das ich zu tun vermeine, gar zu nah was gar zu Schlimmes grenzt, so tu ich lieber das Gute nicht; weil wir das Schlimme zwar so ziemlich zuverlässig kennen, aber bei weitem yicht das Gute"??) Und das sollte Gottes Wille sein? Und mit dieser Verlegenheilsantwort sollten wir Gottes Weltregierung zu rechtfertigen uns getrauen? So stehen wir denn mit brennender, nach Antwort verlangender Seele vor der gigantischen Frage, die sich in all ihrer Größe vor uns aufreckt: wie ist dieser Weltkrieg mit der Wellregierung Gottes zu vereinbaren? Aber nachdenklich machen wir bei dieser Fragestellung Halt. Ist es denn dieser Weltkrieg allein und zum erstenmal in unserem Leben und im Leben der Menschheit, der uns die schicksalsschwere Frage nach der '.göttlichen Weltregierung auf die Lippen preßt? Ist das Problem nicht so alt wie die'Menschheit selber; nur daß es vielleicht nie so allgemein, nie so lief, nie mit solcher — fast möchte ich sagen — handgreiflichen Berührung alle Menschen gepackt und gerüttelt hat wie heute? Denn seit der Sintflut war wohl .noch nie di e ganze Menschheit aller. Erdteile so hineingegerissen in den Strudel grausamen Geschehens. Aber über einzelne Menschen, über einzelne Familien und Völker erging in allen Zeiten der Geschichte die Herzensnot, die sie verzweifelt hinausschauen ließ in das 2j Lessing, Nathan der Weise, 4. Aufz., 7. Austr, h Schiller, Braut von Messina, 1. Aufz., 8. Austr.

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