Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1916)
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 20 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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20 Aus dem hinterlassenen Tagebuch von Mich. Ussenburg laten der Gegenwart, uns ahnt, daß der Tag von Sedan künftig noch herrlicheren Siegestagen, weichen wird. Sm engen Sitzungszimmer der hübschen Synagoge, in der Rollege.Levin regelmäßig seine Feldgottesdienste abhält, saßen wir deutschen Rabbiner. Der französische Rollege steht im Felde. Den Vorbeier, der hier alle Freitag Abend und Sabbat Vormittag die Andacht .leitet, habe ich einmal ausgesucht. Sch erfuhr, daß die Gemeinde nicht mehr als zwanzig Familien, (bei '20000 Linw.) aber offenbar wohlhabende, zählt. Sch traf dort die Frau eines colonel, eine Thristin, die in heftigen Zorn darüber geriet, wie man den Süden Mangel an Vaterlandsliebe vorwerfen könne; sie werde es nach dem Kriege in alle Zeitungen bringen, was die französischen Süden für ihr Vaterland geopfert hätten. Bei unserer letzten Sitzung vermißten wir Rollegen Baeck, unfern bisherigen Vorsitzenden, schmerzlich. Sein Wirken als Feldrabbiner im Westen war für uns vorbildlich. Tr ist nach dem Osten versetzt. Vielleicht gelingt es ihm unter viel schwierigeren '.Verhältnissen auch dort mit den Rollegen bei den anderen Armeen Fühlung zu nehmem Uns Westlichen sind unsere regelmäßigen Konferenzen so vertraut geworden, daß wir sie in kürzeren Abständen als! bisher zu wiederholen wünschten. Sie bezeichnen gewissermaßen Abschnitte unserer Tätigkeit und gewähren Rückschau und Ausblick, photographische Aufnahmen halten die Erinnerung an unser Zusammensein in Lille, St. Quentin ^und Sedan fest; sie sind uns zugleich ein bleibender Ausdruck des engen Zusammenhalts und des herzlichen Einvernehmens, das über auseinandergehende religiöse Richtungen hinweg zwischen uns besteht. Alle Sahreszeiten haben uns nun beisammen gesehn, jede in einer anderen Gegend des besetzten Frankreichs. Staunend sahen wir das ineinandergreifende feste Gefüge eines ganzen Heeres, das wie eine Mauer von Stahl und Eisen von der Nordsee bis.zur Schweizer Grenze steht. Aus dem hinferlaffenen Tagebuch des Kriegsfreiwilligen Richard Rosenbürg-frankfurt a. ITT. (im Felde gefallen). Warum der Krieg? Es war eine böse Zeit. Die Zeit eines grausamen Kampfes voll Niedrigkeit und Gier. Wir kannten nur den eigenen Vorteil und hetzten nach Gewinn. Aber unsere .Seele war tot, denn sie hatte nichts, für das sie leben konnte. Sa, wir standen fest mit beiden Füßen auf der Erde. Zu fest! Wir klebten am Boden und waren stolz darauf und freuten uns unserer Klugheit, und wir lachten der Wenigen, deren Sinn sich zu den Wolken schwang. Es war eine Zeit des Grübelns und Zweifelns. Denn wir grübelten über viele Dinge. Aber wir konnten sie nicht erforschen. Diese Zeit war ohne Ehrfurcht. > Wir beugten uns nicht vor dem Unverstandenen, wir lachten über es. So gingen wir in der Srre und waren große Zweifler. Zweifelten an Gott und der Menschheit. Zweifelten an unserer eigenen Kraft. Da kam der Krieg. Kam furchtbar wie der Gewittersturm und fegte hinweg alles was schlecht und kleinan uns war. Und er machte uns stark und groß: Schmiedete uns zu Männern.