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Liberales Judentum · 1916-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1916) · p. Seite 19

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
8 (1916)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1916)
Date
1916-01-01
Page
Seite 19 (sequence 19)
Language
German
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Ar Satzberger: Aus meinem Krregtagebach ^11. 19 Mädchenpensionates, Nue de Metz, kamen wir acht zusammen. Zum Mittagessen im Garten erschien, sozusagen als Vertreter der kleinen jüdischen Gemeinde, der Schächter, und da auch ein religiöser jüdischer Arzt sich einfand, konnten wir als Minjen benschen. Nach Schluß der Sitzung, am späten Nachmittag, als wir über die Promenaden, die ehemaligen Festungswerke, gingen, wurde gerade die Nachricht uom Fall Warschaus bekannt gegeben. Den Tag mochte ich nicht einsam beschließen. Sch fuhr mit Kollegen Staliener bis Laon zurück und feierte mit ihm den neuen großen Sieg unseres unvergleichlichen Heeres. Am anderen Morgen besuchten wir die Kathedrale, die mit ihren 7 Türmen auf steilem Bergrücken wie eine alte Trutzburg groß und kühn ins Land ragt. Die vorläufig letzte Konferenz war auf den \8. November nach Sedan einberufen. Sch hatte die Stadt mit dem weltberühmter! Namen schon vorher wiederholt, ausgesucht. Sie soll sich seit S875, wo sie als Festung aufgehoben wurde und die Festungswerke fielen, sehr verändert haben. Düster schaut sie noch immer drein, als laste auf ihr die alte Schmach, die sie vergebens von sich werfen rvollte. Der Marschall Türenne auf dem Hlatz vor dem Nathaus und dem Theater trägt widerwillig die schwarz-weiß-rote Fahne im Arm. hinter ihm erhebt sich die alte Zitadelle, die schon vor sOO Sahren auf eine preußische Besatzung herabsah, heute nur noch ein Militärhospital tragend. Die Stadt ist bis auf die steinerne Maäsbrücke, die die Franzosen hier wie anderwärts vor ihrem Abzug gesprengt haben, von der Zerstörung des Krieges verschont geblieben. Dagegen tobte auch diesmal wieder um das nahe Donchsrv ein Kampf, der den größten Teil des Städt- .chens vernichtete. Stehen blieb das abseits gelegene Schloß Bellevue, in dem die historische Begegnung zwischen König Wilhelm und Napoleon III. stattfand (unser Kaiser hat es schließen lassen); und stehen blieb seltsamerweise auch , das andere historisckze Gebäude, das „W'eberhäuschen," wo der letzte Franzofenkaiser die entscheidende Unterredung mit Bismarck -hatte. Ts ist ein Wallfahrtsort für Tausende geworden, und das Fremdenbuch, das in dem kleinen, aber Hellen Zimmer im Stock ausliegt, weist viele Namen von gutem Klang auf. Die Besitzerin des Häuschens aus jenen Tagen lebt noch und zeigt jedem Besucher den Tisch, an dem der eiserne Kanzler dem gedemütigten Herrscher gegenübersaß. 27 Sahre sei sie damals gewesen, erzählt sie mit der „lüden Stimme der Greisin, der das große Trlebttis schon lange nicht mehr groß erscheint. 33fret deutsche Kaiser habe sie null schon gesehen. Denn auch unser Kaiser hat ihr im September einen Besuch abgestattet. Sie erkannte ihn nicht, wie er in Begleitung eines sehr großen Offiziers — es war Bethmann-Hollweg — und anderer Ger reu eintrat. Tr fragte in fließendem Französisch nach allen Lrnzelheiten jenes Tages vor 44 Sahren, kam auf den gegenwärtigen Krieg zu sprechen und versicherte, daß er ihn nicht gewollt hat. Am Tllde wies der Kanter auf den erlauchten Gast: voilä l’empereur. Sie rvar sehr ergriffen und beglückt zugleich, als der Kaiser ihr zur Trinnerung Goldstücke mit seinem Bildnis überreichte; sie werden ebenso wie der Namenszllg des Kaisers und seiner hohen -Begleiter, neben den Napoleons (Tor sorgfältig unter Glas aufbewahrt. Sm Vorzinnner sieht man die Spur eines Snfallteriegeschosses, das durch das Fenster eingedrrrngen, aber an eil rer Vase auf dem Sims abgeprallt war, ohne Schaden anzurichten. Ts ist eine Spur dieses zweiten großen Krieges, den Sedan-Donck^srv erlebt. Gewiß, stolze Trinnerungen überkommen den Deutschen, wenn er den Blick über das Maastal hier und die Höhen rüdgsum schweifen läßt. Aber man fühlt, wie sie verblassen vor den viel gewaltigeren Waffen-

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