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Liberales Judentum · 1916-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1916) · p. Seite 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
8 (1916)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1916)
Date
1916-01-01
Page
Seite 17 (sequence 17)
Language
German
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Ar. Salrderger: Ans meinrw Kriegstagebuch VII 17 neuesten deutschen Erfolgen'; sie glauben nicht daran und find überzeugt, daß eines ^ages die Engländer kommen und sie befreien werden, Hört man nicht die Kanonen von Arras her? Zehn Kilonieter nur bis zu den Schützengräben! Wenn die Verbündeten nur wollten, sie könnten ganz Lille in Schutt und Asche schießen. Aber sie vergreifen sich nicht an der Perle Flanderns.. — Freilich wenn sie es doch einmal tun wie vor einigen Wochen, ist. die Bestürzung der Franzosen groß, und die Opfer, die wenige Schüsse aus ihrer Mitte forderten, dürften nicht dazu angetan sein, das -Vertrauen auf ihre Erretter zu erhöhen. Das deutsche Gouvernement, das in Lille eingerichtet ist, übt ein strenges, aber gerechtes Regiment aus. Wie überall in den von Deutschen besetzten Gebieten sucht es das Räderwerk des bürgerlichen Lebens in Gang zu halten oder wieder in Gang zu bringen, aber gleichzeitig alle militärischen Notwendigkeiterl gegen Störungen zu sichern. Die einheimische Polizei ist durch Militärpolizei verstärkt. Jede Auflehnung wird mit hohen Geldbußen oder anderen empfindlichen Strafen gesühnt. Ich war erstaunt, als Schlag 6 Uhr, bei hellichtem Tag, alle Einwohner eiligst in ihren Häusern verschwanden: es war die Folge einer solchen Strafmaßregel. Mit 2lnbruch der Nacht darf aber auch sonst kein Zivilist sich auf der Straße sehen lassen. Wie ausgestorben ist dann die Stadt; nur von Fenster zu Fenster hört man die Frauen schwatzen oder lachen. Für den deutschen Soldaten,- der hier monatelang im (Quartier liegt, birgt die Großstadt mannigfache Gefahren. Die Kommandantur ist mit Erfolg bemüht, gesunde Nahrung für Geist mid Herz der Mannschaften wie der Offiziere zu bieten. In dem neuen Theater, dessen Bau infolge des Krieges nicht vollendet werden konnte, wurden von ersten Künstlern klassische Aufführungen veranstaltet. Agnes Sorma spielte vor einem begeistert lauschenden feldgrauen parterre die Titelrolle in dem unsterblichen Soldatenstück „Minna von Barnhelm," in der Kirche des ' Hl. Mauritius fanden religiöse Konzerte statt — das alles (0 Irin hinter der Front. Das nach dem Maler Wicar benannte Museum auf, dem großen schönen Place de la Republiqne, gegenüber der Präfektur, ist gegen, Vorzeigung einer Einlaßkarte, die die Kommandantur ausstellt, täglich zu besichtigen. Französische Aufseher hüten die teilweise kostbaren Gemälde, so von Rubens, van Dyck, Hals, und die weithin bekannte faszinierende Wachsbüfte eines jungen Mädchens, ein Werk aus dem (6. Jahrhundert, das Lionardo zugeschrieben wird und in dem man die Mona Lisa als Mädchen sehen will. Unversehrt sind auch hier alle Räume und ihr (schon in Friedenszeiten wenig geordneter) Inhalt. Nur die Glaskuppel hat durch den Luftdruck bei der Beschießung der Stadt gelitten. Sitzt man, abends nach getaner Arbeit in seinem Quartier oder in einem der sehr gemütlich eingerichteten Soldatenheime, so nimmt man wohl die „Liller Kriegszeiümg" zur Hand. Sie erscheint in einer französischen Druckerei mit französischen Typen und ist unterhaltend und belehrend zugleich; in Text und Bild unstreitig das bestgeleitete Soldatenblatt im Felde. Wie gut für Unterkunft und Beköstigung gesorgt ist, erfuhren wir Feldrabbiner an uns, als wir uns in Lille zur Konferenz einfanden. Wir erhielten von der Kommandantur in dem Hotel Moderne gegenüber dew Kirche St. Maurice Zimmer und Verpflegung. Am 26. Mai tagten wir dann in der geräumigen Veranda des vornehmen Hauses in der Rick Nationale, wo Kollege Baerwald wohnt — eine volle „Tagung," denn sie währte von Vorm. (0 bis Nachm. 5 Uhr mit einer pciufe, die das Mittagessen in dem schattigen Garten ausfüllte. Die schöne neue Synagoge,

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