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Liberales Judentum · 1916-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1916) · p. Seite 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
8 (1916)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1916)
Date
1916-01-01
Page
Seite 16 (sequence 16)
Language
German
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16 Ar. SaLzbrrger : Aus mernew Krirgstageduch VII. cSmuen der Zerstörung viel überwältigender. Die reichsten und prächtigsten Geschäftshäuser um den Bahnhof hatte das wohlgezielte deutsche Feuer, niedergelegt, während die öffentlichen Gebäude, der Bahnhof selbst, die Börse, das Theater unversehrt blieben. Freilich wären sie um ein Baav Opfer der Feuersbrunst jener denkwürdigen Nacht vom sch Oktober geworden, als nach der Flucht der französischen Besatzung eine deutsche Landwehrkompagnie unter den Klängen der „Wacht am Rhein" in die eroberte Stadt einzog. Aber während die französische Feuerwehr gänzlich versagte, der Bürgermeister und die Stadtältesten ratlos dem Bxande zusahen, der Bischof und das Domkapitel sich nicht blicken ließen,(gelang es der aufopfernden Arbeit unserer Pioniere, die wertvollsten Bauwerke, vor allen die schwer bedrohte herrliche gothische Kirche 5t. Maurice mit ihrem das Häusermeer weithin überragenden Turm zu retten. Lille (LJisle insula) zwischen der Deüle und £ys gelegen, kann auf eine wechselreiche Vergangenheit zurückblicken. Durch die Grafen von Flandern im \0. Jahrhundert gegründet, war die Stadt verschiedentlich in habsburgischem Besitz, bis Ludwig XIV. sie (668 den spanischen Niederlanden entriß. Der geniale Vauban baute sie zu einer Festung ersten Banges aus, zu einem Glied des Festungsgürtels, der dem Sonnenkönig als Rückendeckung bei einem Lroberungszuge durch Belgien gegen Nordwestdeutschland und die holländische Republik dienen sollte. Sie wurde zwar (708 vom Prinzen Lugen wiedererobert, mußte aber (7(3 an Frankreich zurückgegeben werden und hielt der Belagerung durch die Oesterreicher (792 stand. Aus Dankbarkeit wurde der Stadtgöttin (1a äessse) eine Denksäüle auf den Grande place errichtet. Aber weder die Göttin noch der große Kaiser, dessen Denkmal an der Börse prangt, noch die Nationalheilige, die Jungfrau von Orleans, die samt ihren: Pferde in schimmerndes Gold getaucht, gleichfalls irgend einen öffentlichen Platz ziert, vermochte Lille vor dem siegreichen deutschen Schwert zu schützen. Hinter dem stolzen Standbild des tapferen Faidherbe gähnen zerrissene Mauern, und sein - eigenes Pferd zeigt Spuren der Verwundung. Die Stadt mit ihren Zitadellen jenseits der Promenade und mit einem Gürtel von Befestigungen ist zum großen Schmerze der Franzosen nun schon bald (1/21 Jahre in den Händen der Deutschen. Man versteht diesen Schmerz, wenn man bedenkt, daß Lille die „perle Flanderns", die größte und reichste Stadt ist, die wir -auf französischem Boden besitzen, zugleich.eine der reichsten Städte Frankreichs überhaupt. Sie zählt 200,000, mit den Vorstädten 300,000 Einwohner, d. i. ebensoviel wie ihre beiden Schwesternstädte Roubaix und Tourcoing zusammen, mit denen sie das Zentrum der Industrie, hauptsächlich Textilindustrie Nordfrankreichs bildet. Sie wirkt auch reich auf den Besucher, aber nüchtern wie eine große Geschäftsstadt, obwohl der Kunst mehr als ein Museum,, der Wissenschaft das Institut Pasteur und eine Universität errichtet ist. Kommt inan' wie viele von uns Feldgrauen aus einem französischen Dorf oder Städtchen nach Lille, so erscheint das Leben und Treiben auf der Grande place oder in der Rue Nationale zunächst ungewöhnlich. Da sieht man doch wieder vornehm gekleidete Herren und Damen, elektrische Bahnen, Droschken und — Schutzleute. Ls muß nicht leicht sein, dies lebhafte Volk, das sich aus Franzosen, Flamländern und Wallonen mischt, in Zucht zu Hallen. Sie fühlen sich infolge ihrer kompakten Masse und ihrer Großstadtzivilisation — anders als die, Zivilisten auf den kleinen Plätzen und aus dem Lande, die zwischen unseren Soldaten verschwinden. Mit vielsagendem Lächeln lesen sie die in beiden Sprachen aushängenden Telegramme von den

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