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Liberales Judentum · 1916-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1916) · p. Seite 14

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Journal
Liberales Judentum
Volume
8 (1916)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1916)
Date
1916-01-01
Page
Seite 14 (sequence 14)
Language
German
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14 . Ar. Salzberger: Aus meinem Kriegstagebuch VII. oo o o uns Feldrabbiner war die Notwendigkeit zu regelmäßigen Zusammenkünften noch' dringender; wir haben weder einen Feldprobst wie die Protestanten und die Katholiken noch eine zentrale kirchliche Behörde. Mehr noch, uns fehlt jede Tradition, jede Vorarbeit und jedes Vorbild auf unserem besonderen Arbeitsgebiete. Wir hatten anfangs. nur durch den ,,Verband der deutschen Juden", dessen Verhandlungen mit dem Kriegsministerium die Zulassung der jüdischen Feldgeistlichen in erster Cinic zu verdanken ist, und mit dem wir fortgesetzt im Briefverkehr blieben, einer über das Wirken des anderen das Wesentlichste erfahren. Es lag nun nahe, persönliche Fühlung mit den anderen zu suchen, um in gemeinsamen Besprechungen auch die jüdische Feldseelsorge, wenigstens des Westheeres, möglichst einheitlich zu gestalten, sie — nach dem allmächtigen Wort unserer Zeit — zu organisieren. Zunächst taten zwei bis drei Serien aus benachbarten Armeen sich zu einer zwanglosen Aussprache zusammen. In: Februar 1915 waren es sechs, aber erst am 14- März fand auf in eine Anregung die erste allgemeine Feldrabbinerkonferenz des Westens — man kann wohl sagen: die erste der Weltgeschichte -— statt. Wir hatten dafür das Städtchen Hirson gewählt, das an der Kreuzung der französischen Nord- und Gstbahn und etwa an der Mitte der Cinie liegt, die den äußersten Norden der Front mit dem äußersten Süden verbindet. Nordfrankreich ist klassischer Boden für Rabbinerversammlungen. Unter dem Vorsitz des berühmten Nabbenu Tam, des Enkels von Naschi, tagten nur die IVätte des 12. Jahrhunderts mehrere von einer stattlichen Anzahl bis zu 150 Rabbinern besuchte Rabbinerversammlungen in Troyes, Reims, Rameru und anderen nordfranzösischen Gemeinden. Die Beschlüsse dieser Versammlungen, die sich nicht nur auf das rituell - Religiöse beschränkten, sondern eingreifende zivilrechtliche, eherechtliche und Gemeinde-Angelegenheiten betrafen, haben zum Teil bis zum heutigen Tage ihren Einfluß auf die Gestalttmg des jüdischen Gemeindelebens behalten. Troyes, Reims und Hirson, die neueste Stätte der Rabbinerzusammenkunft liegen von Süden nach Norden in fast gleichen Abständen von einander. Ich werde den Morgen des sonnigen Vorfrühlingstages nicht vergessen, da ich in Lsirson ankam. Aüf dem Friedhof war ich gewesen, dessen tausend Grabkreuze wie ein Regiment von Stein und Eisen auf hohem Hügel die ,Wacht zu halten scheinen über den Frieden der Däuser zu ihren Füßen, hatte die stattliche Kirche besucht, in der ein Abbe mit wunderbar melodischen Tonfall und künstlerisch gemessenen Bewegungen der sonntäg- . lich zahlreichen Gemeinde von schwarz gekleideten Frauen und Mädchen, weißhaarigen Greisen und zerlumpten Kindern eine predigt über „l'ssprit äs mouäs" hielt, und war dann, durch die lange Hauptstraße schlendernd, unvermutet auf drei meiner Kollegen gestoßen. Das Gefühl des Alleinseins, das uns auf unserem einsamen Posten bisweilen beschleicht, war im Augenblick gewich en. Hier war ich Unter Amtsbrüdern — der Name hatte nichts Steifes mehr, er klang so rein und innig als wären wir wirklich Brüder. Auf meinem Zimmer in dem sehr bescheidenen Hotel äe 1a §are warteten wir plaudernd die Ankunft der anderen ab. Es war Nachmittag geworden< ehe unsere Sitzung in dem von der Etappenkommandantur uns zur Verfügung gestellten behaglichen Gffizierszimmer des Kriegslazaretts eröffnet werden konnte. Nicht wenig Aufsehen mag der Zug der Feldgeistlichen mit dem Mögen Dovid an der Mütze in den Straßen von Hirson erregt haben. Wir waren zu acht: Baeck (Berlin), Baerwald (München), Thone (Konstanz), Italiener (Darmstadt), Emil Cetnp (Tharlottenburg), Lewin (Leipzig) und ich. Baeck führte den Vorsitz, Italiener das Protokoll. Es galt die

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