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Liberales Judentum · 1916-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1916) · p. Seite 11

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Journal
Liberales Judentum
Volume
8 (1916)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1916)
Date
1916-01-01
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Ar. Rudolf Geiger - Frankfurt a. M: Relatives Judentum (Entgegnung) 11 Ich habe bereits oben darauf hingewiesen, daß auch dieses Trotzjudentum nicht ein rein äußerliches oder ein rein politisches Bekenntnis ist, sondern offenbar zu einem guten Teil mit auf religiös-jüdischen Idealen beruht. Ich glaube daher nimmermehr, daß alle die Tausende von Trotzjuden und Mitglieder des „Zentral-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" mit dem Aufhören des Antisemitismus plötzlich aus den Reihen des Judentums verschwinden würden, und daß daher alles relative Judentum damit kraftlos zusammenfallen würde. Es birgt vielmehr einen wertvollen positiven Kern in sich und wird auch nach dem Verschwinden des Antisemitismus eine unschätzbare Stütze der jüdischen Religionsgemeinschaft sein. 4. Goldmann erkennt an, daß wenigstens in einzelnen Fällen die „relativen Juden" auf dem Wege ihrer „relativen" Betätigung zum j?ositiven geführt werden. Gr verlangt aber daß, um den Frieden in der Iudenheit zu fördern, die wirklich positiv-religiösen Elemente. ausd enverschied enstenj)ar(eil a g e r n (!) nicht abseits stehen, sondern selbst uni die Führung Kämpfen und Einfluß jn ihren Sonderkreisen zu gewinnen suchen. Denn da der Inhalt des Judentums nach Ansicht Goldmanns ja objektiv feststeht, so wird sich damit um alle f)arteischattierungen dennoch ein „unsichtbares starkes Band schlingen" und eine gemeinsame friedliche Tätigkeit erleichtern, „denn es liege eben im Wesen der .wahren Religion, daß sie Frieden bringen müsse." Diese ganze Deduktion, so hoffnungsvoll sie klingt und so ideale Gedanken sie in sich trägt, erscheint mir leider von Grund aus verfehlt. Zunächst haben im Wesentlichen die sogenannten religiösen Elemente niemals abseits gestanden. Sie haben sich immer um jede Art jüdischen Glaubens gekümmert, stets einflußreiche Stellungen eingenommen und Einfluß — oft nur zu viel Einfluß — in ihren Sonderkreisen gewonnen. Für den Frieden wird damit wenig gewonnen; denn gerade je mehr Jemand wirklich „positiv" religiös empfindet und sich betätigt, um so mehr wird er gerade geneigt sein, dem sich positiv betätigenden Anhänger einer anderen religiösen Richtung kampffroh und streitbar entgegenzutreten. An das in einem solchen Falle alle jüdisch-reliGösen Parteien umschlingende, einigende Band vermag ich daher mit dem besten Willen nicht zu glauben. Daß jede wahre Religion den Frieden predige und in sich trägt, ist theoretisch gewiß richtig. In der Praxis hat sich dieser Satz bis heute aber kaum bewährt. Ich will nicht darauf eingehen, wie wenig friedlichen Einfluß alle Religionen in dem gegenwärtigen Weltkrieg üben konnten, aber die Geschichte der Reformation, des 30jährigen Kriegs und vieler sonstiger Religionskriege legen ein beredtes Zeugnis dafür ab, daß die Religion eigentlich bis heute noch nicht sehr häufig im Stände war, streitende Geister zu versöhnen. Und so wenig sie es in der großen Politik vermocht hat, ebenso hat auch innerhalb der verschiedenen Religionen — nicht zum Wenigsten gerade im Judentum — die „positive Religion" gerade immer zu erheblichen Kämpfen geführt. — Der Wunsch, daß das „relative Judentum" verschwinde, ist somit nach alledem nach meiner Auffassung unerfüllbar. Wäre aber die Erfüllung möglich, so würde sie ein Unglück für das Judentum bedeuten. Ein Unglück nicht nur, weil jener Wunsch die im Judentum schlummernden und arbeitenden^ Kräfte verkennt und verkümmert, nicht nur, weil seine Erfüllung niemals geeignet wäre, Orthodoxie und Liberalismus zu versöhnen, sondern weil er auch auf die Zukunft gerade des liberalen Judentums, auf die Jugend, unheilvoll wirken müßte.

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