Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1916-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1916) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
8 (1916)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1916)
Date
1916-01-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3126481-3126571-3126572--2049-3128885
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

10 Ar. Rudolf Griger-Frankfurt a. M: KrlMvrs Judentum (Gutgegnung) den, einen „Reinigungsprozeß" und das Heil für die Zukunft des Judentums zu erblicken. Ich könnte damit schließen, wenn nicht noch folgende vier Spezialpunkte des Goldmann-scheu Artikels eine besondere Antwort erforderten. Goldmann beschäftigt sich mit dem durch die Religions-Philosophie hervorgerufenen Subjektivismus. <£r vergleicht die Tätigkeit und Kritik der früheren Religions- Philosophie mit derjenigen der Vertreter des heutigen Subjektivismus, und dabei spricht er den'Satz aus, daß die damaligen relativen Juden (die unter der Aegide der früheren Religions-Philosophie versuchten, das Iudentum mit der gerade herrschenden Zeit-Philosophie in Einklang zu bringen), wenigstens die Formen der Religion, sowohl die der Gemeinschaft, wie die des Dauses geachtet und ausgeübt hätten. „Und mag sich auch unser liberales Empfinden gegen solchen veräußerlichten Kult der leeren Zeremonie energisch sträuben, so steht doch das eine fest, sie haben, dein Judentum wenigstens einen festen Halt gelassen, der auf dem Boden eines ureignen religiösen Wesens erwachsen war." Alan inuß staunen, wenn man einen solchen Satz in einer l i b e r a l e n jüdischen Zeitschrift liest. Also, obwohl sich das liberale Empfinden gegen den veräußerlichten Kult leerer Zeremonien sträubt, so sind diese Formen der Religion doch dasjenige, was gegenüber philosophischer Kritik dem Judentum wenigstens einen festen Halt gegeben habe! -Wäre das wahr, dann hätte wahrlich der Herr Verfasser Recht, wenn er an einer anderen Stelle sagt, daß man einem solchen Judentum keine Tränen nachznweinen brauche, wenn es aus der Welt verschwinde. Voin liberalen Standpunkte aus lassen sich solche Darlegungen nicht aufrecht erhalten. Kleine Anschauung, und wie ich glaube, auch die der meisten liberalen Juden, weicht hier wesentlich von derjenigen des fjerrn Verfassers ab. Auch ohne das Festhalten an äußerlichen Formen würde das Judentum jene philosophische Kritik genau ebenso gut vertragen haben — und eben deshalb kayn ihm auch der heutige Subjektivismus nichts schaden. 2. „Das relative Judentum ist im Grunde weiter nichts, als ein Versuch', sich mit der Gemeinschaft, zu der man nun einmal gehört, äußerlich abzufinden". Das soll ein Tadel und ein Fehler des relativen Judentums sein! Ich halte es umgekehrt für einen großen Vorzug, daß das Judentum und speziell das liberale Judentum sich in dieser Weise mit seiner Umgebung abzuftnden sucht. Wir wollen ja gerade im Gegensatz zur Orthodoxie eine Uebereinstimmung zwischen Lehre und Leben erzielen. Das, womit wir uns abzufinden suchen, ist auch garnicht der innere Kern der jüdischen Lehre, sondern lediglich eine große Reihe der äußeren Formen und Zeremonien. _ Wenn dies abet gelingt, würde ich es für ein großes Glück erachten, und der Zukunft des Judentums, namentlich des liberalen Judentums könnte es nur förderlich sein. 3. Weiter kommt Goldmann darauf zurück, daß eine große Reihe sich liberal nennender, tatsächlich. aber nicht genügend religiös veranlagter Juden, ohne Wert für das Gesamtjudentum seien und insbesondere, daß das Judentum aller dieser Leute spurlos verschwinden würde, sobald der Antisemitismus aus der Welt verschwände. Zunächst hat es mit dem verschwinden des Antisemitismus, wie Goldmann selbst zugibt, einstweilen noch gute Wege. Außerdem ist, namentlich in solchen Dingen, das prophezeien immer gefährlich! Daß tatsächlich das Judentum dieser Trotzjuden wirklich mit dem Aufhören des Antisemitismus verschwinde, will mir aber höchst zweifelhaft erscheinen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.