Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1916)
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Rudolf Geiger - Frankfurt a. M.. Relatives Judentum (Entgegnung) . 7 möglich ist und daß es daher als im höchsten Grade gefährlich erscheint, das angeblich objektiv feststehende Judentum von allem subjektivem „Beiwerk" entkleiden zu wollen. Die Behauptung, daß in solchen Fällen nichts übrig bleibe, als ein „Judentum ohne Religion", ein „Judentum ohne Judentum", in welchem irgend eine nebensächliche Erscheinung eine Hauptrolle spielt, geht daher zu weit. Goldmann schätzt eben dieses „Beiwerk" zu gering ein. Dies gilt insbesondere auch — hierüber ist noch später zu sprechen von der politischen Seite der Frage. Auch wer z. B. im Gleichberechtigungskampfe seinen Mann steht, leistet zweifellos dem „positiven Judentum," dem er zur Anerkennung verhelfen will, sehr wichtige Dienste. Es darf hier auch zum vergleich vielleicht auf die Tätigkeit der Zentrumspartei hingowiesen werden, deren politische Tätigkeit, soweit sie den Jitteressen der katholischen v Religion dient, dieserhalb von katholischer Seite wohl kaum als der Religion schädlich angesehen oder verurteilt wird. Nun wendet sich Goldmann im Anschluß an jene schon theoretisch nicht unbedenklichen Ausführungen in schärfer Meise gegen diejenigen, die nach seiner Auffassung die Bezeichnung eines „guten Juden" „rnit Emphase" zu Unrecht für sich in Anspruch nehmen, weil sie mit positiv-religiösem Judentum nichts zu tun haben, und weil sie nur durch äußere Umstände oder private Liebhabereien, rächt aber durch religiöses Bedürfnis zu ihrer Tätigkeit getrieben werden — deren Nützlichkeit und Wert im Uebrigen ohne weiteres anerkannt wird. Die Misführungen leiden aber an dem grundsätzlichen Fehler, daß der Herr Verfasser das Bestreben, für seine Ideen zu werben und den religiös-liberalen Gedanken in positiver Form zu vertiefen, übertreibt und daß er infolgedessen eifert, anstatt zu werben und verurteilt, anstatt zu belehren. Er behauptet, daß weite Kreise in der Sozial-politik das Wesen ihres Glaubens erblicken, daß das „pietatsjudentum" seine Kraft abergläubigen Vorstellungen entnehme (?), das „Trotzjudentum" dem Antisemitismus seine Entstehung verdanke und das „Verwaltungsjudentum" dadurch blühe, daß gewisse Kreise in der allgemeinen Staats¬ und Kommunalverwaltung nicht genügend Spielraum für ihre Betätigung hätten und sich deshalb der Verwaltung jüdischer-Gemeinden und Vereinigungen zuwenden. Alles das genüge aber nicht, um Juden im positiven Sinne zu schaffen und wenn sie sich eben auf jene Täägkeit beschränken, so sind sie nach Goldmanns Ansicht „relative Juden", die der Erhaltung nicht wert, für die Pflege des Friedens nicht förderlich und für die Zukunft des Liberalismus ohne Bedeutung find. Diese Ausführungen schießen weit über das Ziel hinaus. Ich möchte hier doch auf die Worte Hinweisen, die gelegentlich der pojener Tagung von Herrn Dr. Freüdenthal, einem gewiß unverdächtigen Zeugen, in seinem Spezial-Referat gesprochen wurden. Er sagte damals wörtlich: „wer Sabbath und Festtage hält, am öffentlichen Gottesdienst teilnimmt, lein Haus und Familienleben durch religiöse weihe heiligt und sich und die Seinigen also zugleich im Zusammenhang mit der Gesamtheit Israels erhält, ist — natürlich persönlichen sittlichen Lebenswandel vorausgesetzt — nicht Mos ein Jude —, denn das ist er ohnedies, schon durch Geburt und Bekenntnis —, nicht Mos ein guter Jude, d enn das ist er schon, wenn er für sein Judentum sich mit offener Treue einsetzt und dessen Interessen seine tätige Anteilnahme zuwendet —, sondern in zeremonieller Hinsicht weit mehr: er ist ein r e l i g i ö so r Jude, oder im landläufigen.