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Liberales Judentum · 1916-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1916) · p. Seite 6

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Journal
Liberales Judentum
Volume
8 (1916)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1916)
Date
1916-01-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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WWWWWW» 6 Ar KüdoLf Geiger-Frankfurt a. M: Netativrs Judentum (Entgegnung) ° unmittelbar dazu gehörigem, überflüssigem, wenn nicht sogar schädlichem Beiwerk. Goldmann fuhrt hierzu aus, daß objektiv das Wesen des Judentums feststehe und imr in subjektiver Beziehung die Anschauungen, Interessen, Gaben, Temperament und Hoffnungen des Einzelnen diesem objekttven Judentum ein verschiedenes Gepräge geben. Vielleicht läßt sich schon die Richtigkeit des Satzes — namentlich in seiner lapidaren Kürze — bezweifeln, daß das Wesen des Judentums objektiv feststehe. Es giebt keine geistliche Lehre, die nicht nacb der einen oder anderen Richtung der Entwicklung der Zeit und der Wissenschaft unterläge. Auch ist gerade seit Gründung der liberalen Vereinigung von berufener Seite recht viel in dieser Richtung geschrieben worden, was sich mit jenem Satze durchaus nicht deckt. Doch mag dies dahin gestellt bleiben. Goldmann definiert das, „objektiv feststehende" Judentum etwa dahin, daß das Wesen des Judentums Religion fei und zwar der Glaube an den einen, ewigen Gott der Liebe und Gerechtigkeit, das Bekenntnis zu seiner Sittenlehre und daß dieses Judentum, um „posittv" zu sein, für den Einzelnen ein selbständiges Gebilde darstellen und von ihm uni seiner selbst willen bekannt werden, aber ohne die Einflüsse der Umgebung denkbar sein, also ohne das oben bezeichnete „Beiwerk" bestehen müsse. Richtig ist nun zweifellos, daß für uns heutige Juden, insbesondere auch für uns liberale Juden, das Wesen des Judentums in der Religion liegt, daß sie sein unentbehrlicher Kern ist. Aber die oben wiedergegebene Definitton erscheint doch allzu engherzig. Sie stellt, wie sie in zwei Sätzen festgelegt ist, zunächst schließlich nichts Anderes als ein Schlagwort 'dar, gegen das derselbe Artikel sich wenige Zeilen später mit Recht wehrt, ein Schlagwort, das zwar in seiner Kürze recht gut klingt, mit dem aber in der j^raxis wenig anzufangen ist. Es würde ini Gegenteil ein Hemmnis für die Entwicklung des Judentums und der Religionswissenschaft bedeuten und zudem wenig liberal sein, wenn man so, wie Goldmann es will, dem Judentum und zwar insbesondere dem Judentum des Einzelnen, derart erbarmungslos jeden Subjektivismus nehmen wollte. Dies verkennt der Artikel auch selbst nicht. Er beklagt es aber, daß die subjektiven Momente sehr oft nicht-jüdische Faktoren ausmachen und daß sie in einem unlösbaren Gegensatz zu den Vorschriften der jüdischen Religion stünden. Zunächst werden diese Fälle bei Leuten, die wirklich irgend wie hervortreten, nicht eben häufig sein. Zlußerdem begiebt man sich aber auch mit diesen Erwägungen auf ein recht gefährliches Gebiet, und Goldmann bezeichnet vielleicht Gedanken als unjüdisch, die einem Anderen noch durchaus nicht als vom jüdisch-religiösen Standpunkte aus umstürzlerisch Vorkommen. Ich weise nur als Beispiel darauf hin, daß der Herr Verfasser in seinem Artikel die naturwissenschaftliche und religiöse Weltanschauung als zwei gewissermaßen unvereinbare Gegensätze'betrachtet. Icks erinnere mich^ vor einigen Jahren Vorträge des Herausgebers dieser Zeitschrift über „das Judentum und die moderne Weltanschauung" gehört zu haben, die durchaus .nicht auf demselben Standpunkt standen und die vor allen Dingen eine Versöhnung oder wenigstens die Möglichkeit einer Verbindung zwischen der Naturwissenschaft und der jüdisch-religiösen Weltanschauung sehr wohl ermöglichen. Ich will als Laie auf diesen Gebieten gewiß nicht entscheiden, wer Recht chat, sondern nur darauf Hinweisen, daß schon in diesem Punkte eine sehr verschiedene Auffassung

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