Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1915)
- Date
- 1915-11-01
- Page
- Seite 138 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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138 Feldpostbrief aus dem Westen 0 o o o Zu fühlen glaube ich, wie in der Stunde, zu der das Weihefest seinen Einzug hält, alle die Tausende jüdischer Soldaten in Ost und West, in Serbien und auf See der Gedanke durchzucken wird: Nun kannst Du zeigen, daß Du würdig der Väter bist, daß tzie Jahrhunderte unseren Arm und unseren Geist nicht schwächer, sondern stärker gemacht haben! Nur die wenigsten werden in jener Stunde den Leuchter anzünden können, wie es einst Sitte im väterlichen Lsaufe war. Aber was tuts? Im Ls erzen fühlen sie alle das Gleiche: die ^Erfüllung phantastischer Träume. Das Jauchzende, Jubelnde des Liedes, paßt es nicht zu all' den Liedern, die heute deutsche Soldaten 511 singen gewohnt sind? Klingt nicht aus ihm die Zuversicht auf den endlichen Sieg, der unserm deutschen Volk beschert sein wird? Das läßt sich nicht sagen, das muß man erleben und fühlen! Und wenn am letzten Tage des Weihefestes das letzte Licht angesteckt war, und. der Leuchter in vollem Glanze daftand, da pflegte man im häuslichen Kreise sich die Lsand zu drücken, mit dem Wunsche, das nächste Jahr das Fest wieder gesund im Kreise der Lieben zu verleben. Vor uns allen liegt die ungewisse Zukunft! Soldatenlos! Wer weiß, wem es vergönnt sein wird, im nächsten Jahre die Feier zu Lsaus zu begehen? Doch nur wenige geben sich solchen. Stimmungen hin, zum Nachdenken ist nicht die Zeit! Das paßt auch wenig in das siegesfrohe Leuchten desThanuckafeftes! Aber überzeugender als je klingt der Dank zu Gott, daß er uns eine solche Zeit hat erleben lassen! feldpoltbrief aus dem Weiten. Am 21. Oktober 1915. Sehr verehrter Lserr Lsenle! Wenn ich seit vielen Monaten nichts von mir hören ließ, so bitte ich sowohl Sie als auch Ihre verehrte Frau Gemahlin, mir dgs nicht falsch auszulegen. Sie dürfen nicht glauben, daß ich ihrer vergessen hätte; — — wie könnte das je geschehen, — haben Sie doch durch ihr unvergeßliches Wirken dafür gesorgt, daß mir die gottesdienstliche Betätigung des Judentums lieb geworden ist. Und Ihre spätere rege Anteilnahme an der Jugendorganisation der liberalen Vereinigung empfinde ich fast als eine mir persönlich erwiesene Güte, weil mir die Jugendorganisation ja stets eine Herzensangelegenheit war. Und über all' diese Dinge, nicht über ineine Erlebnisse iin Felde, möchte ich Ihnen heute schreiben. Ihnen ist ja bekannt, daß es vor einigen Jahren mein glühender Wunsch war, Rabbiner zu werden, und daß ich noch heute nicht ganz versöhnt bin mit dem Schicksal, das mir die Erfüllung dieses Wunsches versagte. Wenn Sie sich diese Tatsache vor Augen halten, können Sie sich vielleicht vorstellen, wie mir an: letzten Neujahrsfeste zu Mute war, als unser Feldgeistlicher, Herr Rabbiner Dr. Baeck, mitteilte, am Iomkippur hätte er bei einem andern Teil der Armee zu sein, und er bäte mich, für ihn den Gottesdienst in' unserer Division zu übernehmen. Nur mit Beklemmung konnte ich den Auftrag annehmen, denn ich war mir der Schwere und des Ernstes bewußt, den er enthielt. Es ist mein Stolz und meine Freude, daß .mir die Feier so gut gelang. Einliegend schicke ich Ihnen die Gebetfolge, die Sie sicherlich interessieren wird, und zu der ich mir einige kurze Bemerkungen erlauben möchte. Es war mir klar, daß pieine Feier zu- . gleich Mussaf- und Neilah-Gedanken zu enthalten hatte. Sie sehen das an dein trotz des Sabbaths gesprochenen Gwinu Malkenu und an dein von mir verfaßten Schlußgebet. Bei der Abfassung der deutschen Gebete — es handelt sich um das Einleitungsgebet, das Gebet vor der Totenfeier und das Schluß-