Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1915)
- Date
- 1915-11-01
- Page
- Seite 136 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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136 Ar. Csblenz: Aen Müttern los — alles für die Rinder, nichts für sich. Zur Heldengröße aber wachst, sie empor, wenn sie sogar die Rinder, an denen ihre Seele hängt, im Dienste eines noch wertvcckleren Gutes hingibt und doch tapfer und stark bleibt und nicht verzagt. Das ist eines der gewaltigen Erlebnisse dieses Rrieges: der willensstarke Opfermut, mit dem unzählige Mütter ihr Liebstes dem vaterlande weihen. Wohl wird heimlich manche Träne geweint, und in mancher Nacht bleibt der Schlaf dem sorgenden Mutterauge fern, aber bewundernswert ist dennoch die stille Tapferkeit, die wir bei all den Müttern erleben. Nichts von kleinmütiger Verzweiflung und wortreichen Rlagen, sondern still und stolz, so haben sie es auf sich genommen, die tapferen Heldinnen, die daheim geblieben sind. Einer unserer großen Heerführer im Osten erzählt aus seinen Lebenserinnerungen, als junger Soldat sei er vor fünfundvierzig Jahren nach Frankreich gezogen. Alles sei so schnell gekommen, daß er von seiner Mutter nicht mehr Abschied nehmen konnte. Da habe sie ihm einen Brief geschrieben, ein letztes Lebewohl. Und in diesem Briefe stand das Wort: „Daß^du wiederkommst, ist nicht nötig; aber daß du deine Pflicht tust, ist nötig!" Das Wort habe chn durchs ganze Leben begleitet, und es sei auch in dem gegenwärtigen Rriege der Leitstern seines Handelns geblieben. — Mir scheint, in diesem Worte liegt die höchste Offenbarung opfernder Mutterliebe, vor solcher Größe müssen wir uns beugen. Ich gebe zu: nicht alle Mütter!:iincn sich zu solcher Auffassung erheben, aber heldenhaft tragen doch die meisten das Schwere, das der Rrieg ihnen auferlegt. Ich kenne Mütter, die zwei Söhne verloren haben. Innerlich werden sie es nie verwinden. Und dennoch haben sie in ihrem tiefen Schmer; zugreifend und stützend anderen zu helfen gesucht. Sie sind im Dienste der sozialen Fürsorge die tüchtigsten Mitarbeiterinnen geworden. Aus dem Reichtum ihres Herzens gaben sie dem vaterlande das Beste hin: felbstverleugnende, opfernde Liebe. Ich habe mich oft gefragt, woraus solche Liebe wohl ihre Rraft schöpfen mag, und ich finde immer nur die eine Antwort: aus ihrem Glauben. Fassen wir das Wort zunächst rein religiös. Etwas von religiösem Glauben lebt wohl in jeder Mutter. Gewiß sind die Glaubensvorstellungen verschieden — bei manchen mögen sie dürftig und armselig sein —, aber das Mutterherz bleibt doch der natürliche, ursprüngliche Ouell, aus denr wie aus verborgenen Tiefen der gesunde Gottesglaube hervorströmt. Denn wer das allmähliche werden und wachsen der jungen Rindesseele Jahre hindurch mit soviel hingebender Liebe beobachtet und täglich neue Wunder entdeckt, ein ständiges Zunehmen an geistigem Leben, der kann sich der Gewißheit gar rricht verschließen: es gibt noch eine höhere Macht, aus deren Schöpferkraft allein wir all die tausend Wunder verstehen lernen. — Und wenn du die Gottheit auch niemals zu erkennen vermagst, du erlebst sie doch täglich aufs neue in dem werdenden Geistesleben deines Rindes. Oder irre ich mich? Rönntest du einen der wunderbarsten und ergreifendsten Vorgänge jemals als etwas selbstverständliches hinneh-, men, als eine Entwickelung, die keiner Erklärung bedarf? Seichte und oberflächliche Naturen mögen so urteilen, das Mutterherz aber mit seiner sorgenden, sehenden Liebe muß in dem geistigen Reifen des eigenen Rindes eine lebendige Offenbarung Gottes erleben. Der Gottesglaube muß in der Mutter wachsen, und je mehr er wächst, desto mehr wird er zum unerschütterlichen Zukunftsglauben, zum freudigen vertrauen: das, was ich als Bestes in der Seele meines Rindes allmählich groß werden sah, die geistigen und sittlichen Triebkräfte seines inneren Menschen lassen mich hoffnungsfroh dem Morgen entgegenharren.