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Liberales Judentum · 1915-11-01 · Heft 11-12 (November 1915) · p. Seite 131

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Journal
Liberales Judentum
Volume
7/8 (1915)
Issue
Heft 11-12 (November 1915)
Date
1915-11-01
Page
Seite 131 (sequence 11)
Language
German
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O O 0 o Ar. Gsldrnarm: NrLativrs Judentum 131 Versuch, das Wesen des Judentums mit der gerade herrschenden Zeitphilosophie in Einklang zu bringen, mit anderen Worten, das objektive Judentum zu Gunsten von herrschenden Anschauungen zu verdrängen. Die Unterschiede zwischen einst und heute sind aber trotzdem gewaltig. Zn der Blütezeit der Religionsphilosophie bemühte sich der gebildete Mensch ernstlich, durch eigenes Denken zur Klarheit zu gelangen. Er hatte an den Problemen der Weltweisheit ebensolches Interesse wie an denen der Religion, und sein Interesse war getragen von Ehrsurcht. Schon das kann man von den Vertretern des heutigen Subjektivismus kaum behaupten. Roch weniger aber trifft der vergleich nach anderer Richtung zu. Denn die damaligen relativen Juden haben die Formen der Religion, sowohl die der Gemeinschaft wie des Dauses, durchaus geachtet und sie persönlich ausgeübt. Und mag sich auch unser liberales Empfinden gegen solchen veräußerlichten Kult der leeren Zeremonie energisch sträuben, so steht doch das eine fest: sie haben dem Judentum wenigstens einen festen Lsalt gelassen, der auf dem Boden seines ureigenen religiösen Wesens erwachsen war. So bedeutete die Religionsphilosophie keine direkte Gefahr, wohl aber ist es der Subjektivismus unserer Tage, der relatives Judentum in jeglicher Gestalt zur Herrschaft erhoben hat. Denn jedes relative Judentum ist doch im Grunde weiter nichts als ein versuch, sich mit der Gemeinschaft, zu der man nun einmal gehört, äußerlich abzufind e n. Und nicht nur darum, weil es nicht aus innerem Triebe, sondern durch äußeren Zwang entstanden ist, nruß man in diesem Judentum eine gewisse Gefahr erblicken, weit schwerer wiegt noch, daß es seinen Inhalt der oberflächlichen Halbbildung unserer Tage — soweit es sich nämlich um die Abweisung der religiösen Idee bandelt — verdankt; und diese weiß weder den wert von Zeiterscheinungen richtig abzuwägen noch auch historisch zu denken, sie überschätzt die Wichtigkeit individueller Empfindung und individuellen Denkens, sie weist darum auch im Gegensätze zu wahrer Bildung erhebliche Selbstüberschätzung und das Gefühl unfehlbarer Sicherheit auf. Der innerliche Zusammenhang zwischen dem unreligiösen Zionisten und dem „Trotzjuden" oder liberal sich nennenden vom gleichen Schlage ist ja ein so unendlich enger, auch wenn sie sich noch so bitterböse bekämpfen. was würde wohl — leider wird uns ja die Freude nicht so bald beschert sein — aus dem Judentum dieser Alljuden, dieser nationalen, zionistischen, sozialen und pseudoliberalen werden, wenn plötzlich die Lösung aller jüdischen Probleme da wäre, wenn das Judentum in allen Ländern die gleiche Stellung einnähme wie andere Religionen, wemi aller Antisemitismus schwände und nirgends mehr in aller Welt ein Jude seines Glaubens wegen bedrängt und verfolgt würde! Die Antwort ist sehr einfach. Das Judentum aller dieser Leute, die es nicht in sich, sondern an sich verspüren, würde spurlos verschwunden sein! Dann müßte eben alles relative Judentum kraftlos in sich zusammenfallen, und vielleicht wird man cms diesen Gedankengängen heraus begreifen, warum man aus rein innerjüdischen Gründen die volle Gleichberechtigung wünschen muß. Sie ist darum das wichtigste Ziel gerade von innerjüdischen Gesichtspunkten, weil sie einen großen Reinigungsprozeß im Gefolge haben würde. Bei Durchführung der Gleichberechtigung würden wir gewiß eine große Menge von Begeisterung schwinden sehen, und das Judentum würde eine große Zahl von Anhängern verlieren. Aber historisch denkende Menschen schwören nicht auf die Zahl, und trotz der Verminderung der Juden heit würde das Juden-

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