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Liberales Judentum · 1915-11-01 · Heft 11-12 (November 1915) · p. Seite 129

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Journal
Liberales Judentum
Volume
7/8 (1915)
Issue
Heft 11-12 (November 1915)
Date
1915-11-01
Page
Seite 129 (sequence 9)
Language
German
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Ar Gsldmarm : Relatives Judentum 129 zudem von allen anderen Kulturerscheinungen abgeschlossen waren. Heute ist es anders. Die Religion hat ihre absolute Macht verloren,, vielerlei Einflüsse, wissenschaftliche, künstlerische, soziale und philosophische, Lehrsätze und Meinungen anderer Religionen dringen auf den einzelnen ein und tragen zum Aufbau der Anschauungen bei, die sein Judentum ausmachen. Und die nicht sonderlich hohe Denklust des Durchschnittsmenschen ist die Ursache, daß daneben auch das poli tische Schlagwort einen umfangreichen Beitrag liefert. Daß nun das subjektive Judentum ein Gebilde ist, in welchem nichtjüdische Faktoren stets erkennbar sind, ist selbstverständlich, da wir in der Welt und mit ihr leben. Es wäre auch — abgesehen von der Politik — noch von keinem Schaden, solange alle diese Dinge den festen Bestandteil, das objektivreligiöse, umranken und es tragen. Gft stehen sie aber in einem ausgesprochenen Gegensätze zur jüdischen Religion, so daß ein Nebeneinander in ehrlichen Seelen nicht denkbar ist. Vhne hier untersuchen zu wollen, ob der Widerspruch ein wirklich vorhandener und berechtigter ist, stehen sich so beispielsweise naturwissenschaftliche und religiöse Weltanschauung gegenüber, und zwischen Judentum und Monismus, ganz zu schweigen von pessimistischen und egoistischen Systemen ist tatsächlich die Möglichkeit eines Ausgleichs nicht gegeben. Und so bleibt in solchen Fällen nichts übrig, als ein Judentum ohne Religion, ein Judentum ohne Judentum, in welchem irgend eine nebensächliche Erscheiung eine Hauptrolle spielt. So wohlgemeint und aufrichtig, ja so nützlich für die praktischen Aufgaben der Zudenheit dieses angebliche Judentum in Einzelfällen sein mag, ein Recht sich so zu nennen und einen positivere wert als solches besitzt es keinesfalls. In einem Zeitalter wie dem unfrigen, da die Religion nicht mehr die absolute Herrscherkräft besitzt und eine Kulturerscheinung jst wie viele andere auch, da große Mengen ihr entfremdet sind und sie als fossil und unmodern empfinden, muß natürlich das subjektive Judentum üppig wuchern. Es ist aber auch klar, daß es unter dem Einfluß von herrschenden Zeitströmungen in vielen Menschen aus gleicher Veranlassung und unter gleichen Voraussetzungen entsteht, und darum auch gleiches Aussehen gewinnt. Man kann daher große Gruppen erkennen, in denen das subjektive Judentum die ganz gleiche Schattierung aufweist. So gibt es weite Kreise, die in der Sozialpolitik das Wesen ihres Glaubens erblicken, und das .soziale Judentum, das nichts anderes verlangt als die praktische Betätigung der Nächstenliebe den schwergedrückten Glaubensgenossen gegenüber ist heute eine ansehnliche Macht. So ist auch, in Anlehnung an die nationale Strömung des neunzehnten Jahrhunderts, das nationale Judentum entstände?!, von dessen Ausdehnung an dieser Stelle kein Wort gesagt zu werden braucht. Die beiden bisher erwähnten Gruppen lehnen sich nun an die soziale Grundlage unserer Religion und an das starke, historische Zusammengehörigkeitsbewußtsein, also gewiß an Dinge an, die auch im objektiver! Judentum stecken und Bedeutung haben. Daß dies allein aber das Judentum nicht ausmacht und daß sie nur relativen wert besitzen, da sie abhängig sind von der leiblichen und seelischen Zudennot, ist leicht einzusehn. Sie haben aber wenigstens das eine für sich, wenn sie auch ihre Kräfte aus der Außenwelt und ihren Zeitströmungen holen, daß sie sich auf wertvolle Teile jüdischen Lebens und jüdischer Lehre stützen. Daneben aber gibt es noch recht viele Schattierungen relativen Judentums, die sich auf nichts an-

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