Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1915)
- Date
- 1915-11-01
- Page
- Seite 128 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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128 Ar. Gol-wann: Nrlatrves Judentum her im jüdischen Lieben eine große Rolle gespielt hat. Es wurde und wird viel mit dem Begriffe „positives Judentum" gewirtschaftet. Freilich wird er polemisch und aus politischen Beweggründen, darum auch fast stets falsch verwendet. Manche Richnmgen geben diese Bezeichnung geradezu als objektives Merkmal ihrer Parteigrundsätze aus. Orthodoxie und Nationaljudentum pflegen nur zu oft zu versichern, daß chr Judentum — und nur dieses — ein positives sei, während das der liberalen lediglich bedingt und relativ genannt werden dürfe. Sobald es übrigens zu Streitigkeiten zwischen Orthodoxen und Zionisten kommt, müssen sich auch die letzteren denselben Vorwurf gefallen lassen. Gegen diese Einteilung wehrt man sich auf liberaler Seite mit vollem Rechte. Denn sie geht von ganz falschen Grundlagen aus. Gb nämlich einer ein positiver oder nur relativer Sude ist, wird wirklich nicht durch die parteiflagge bedingt, unter der er segelt, sondern einzig und allein durch seine Persönlichkeit und durch seine individuelle Stellung zum Wesen des Judentums. Es ist davon abhängig, worauf die jüdischen Gefühle des einzelnen sich gründen, ob auf inneres Bedürfnis und Erlebnis oder gußere Anregung, was sein jüdisches Empfinden wach erhält und ihm neue Nahrung gibt. Ls.kommt — kurz gesagt — darauf an, ob sein Judentum ein selbständiges Gebilde oder ob es ohne die Einflüsse der Umgebung nicht denkbar ist. Man wird also sehr bald erkennen, daß §s positives und relatives Judentum innerhalb jeder Partei in buntem Durcheinander geben wird. Mas ist aber Sudentum? Sudentum war und ist Religion und wird es ewig bleiben! Ueber sein Wesen in den großen Zügen kann kein Streit sein: cs ist der Glaube an den einen, ewigen Gott der Liebe und Gerechtigkeit, das Bekenntnis zu seiner Sittenlehre. Daß natürlich in diesen kurzen Sätzen eine Welt von Einzelfragen verborgen liegt, daß dadurch Meinungsverschiedenheiten in reicher Fülle entstehen müssen, ist selbstverständlich. Es sei auch, um das Wichtigste zu berühren, betont, daß Her Begriff Sudentum vieles in sich ausgenommen hat, was nur in losem Zusammenhänge mit der Religion steht. Unsere Gemeinschaft hat eine lange Geschichte hinter sich, und manche gemeinsamen Merkmale und Neigungen, manche geschichtliche Erinnerungen und Einrichtungen sind fast so alt wie die Religion selber, manche vielleicht noch älter. All das berührt aber den Aern der Sache nicht, und mag das Sudentum auch neben der Religion alles nur erdenkliche aufweisen, ohne Religion ist es ein leeres Nichts, ein bloßes Wort, eine Unmöglichkeit, wenn nicht ein innerer Widerspruch. Objektiv steht das Wesen des Südentums fest! Als subjektives Sudentum kann man ram die Gestalt bezeichnen, die dieses objektive Gebilde in den unendlich vielen, so unendlich verschiedenen Linzelseelen annimmt. Dort wirken die Gaben, die Temperamente, die Snteressen und Hoffnungen der verschiedenen Naturen neben dem Bildungsgrad und den Vermögensverhältnissen, so daß es keine zwei Süden geben wird, bei denen die subjektiven Anschauungen vom Snhalt und der Bedeutung des Sudentums genau übereinstimmen. Es wird bei manchen — erfreulicherweise bei vielen — dem objektiven Sudentum ziemlich gleichen, bei vielen anderen werden aber nebensächliche Dinge Den Kern überwuchern, und viele mögen mit ihm wenig mehr gemein haben als den bloßen Namen. Das subjektive Sudentum wird natürlich dann dem objektiven ähneln, wenn dieses das ganze Denken und Fühlen des Menschen beherrscht. So war es im Mittelalter, als die Religion noch den Mittelpunkt des''gesamten Geisteslebens bildete und die Süden