Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1915)
- Date
- 1915-11-01
- Page
- Seite 123 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3126481-3126538-3126545--2016-3128852- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. Norden: Judentum, Weihnachtsfest, Mefstasgtanbe 123 wie vor unter dem Fluche des Krieges seufzen, wie sie sich heute noch genau so, wie vor Jahrtausenden, in grundlosem Isasse zerfleischen: dann dürfen wir, ohne das Verdienst und die Bedeutung anderer Bekenntnisse im entferntesten leugnen zu wollen, offen bekennen: Unsere Vorfahren sind nicht kurzsichtig und nicht verblendet gewesen. Dann dürfen wir, ohne einer anderen Religion zu nahe zu treten, die Auffassung des Judentums dahin aussprechen: Bis auf den heutigen Tag ist der Ul e s s i a s, von de m die Propheten Israels g e t r ä u m t haben, no ch nicht erschienen; bis' a u f den heutig e n Tag i st n o ch kein 'Erlöser auf Erden gewandelt. IVird er jemals erscheinen, wird er einst auf Erden wandeln? IVird es' einem Ulenschen, und besäße er die glänzendsten Eigenschaften des Geistes und des Gemütes, jemals .gelingen können, alles Böse auf Erden, den Beid und die Eifersucht, den 2>aß und die Mißgunst, den Streit und den Krieg gleichsam mit einem Zauberstabe verschwinden zu machen? Es scheint, als sei diese Aufgabe selbst für den größten aller Menschen zu hoch, zu schwer, zu erhaben. Kein einzelner 117 e n sch wird u n s j e erlösen; die g a n z e 117 e n s ch heit wird ihr eigener Erlöser, ihr eigener 217 essias sein m ü s s e n, 1V a s d e r einzeln e* 217 e n s ch n i ch t v e r m a g , der Gesamtheit der Menschen wird es gelingen könne n?s Und wenn wir auch gerade im gegenwärtigen Augenblick von dem erhofften Ziele weiter entfernt zu sein scheinen, als wir je gefürchtet, so wollen wir doch unsern Messiasglauben in alle Ewigkeit nicht aufgeben, unsern Glauben an die 2lufwärtsentwicklung der Menschheit zu allgemeiner wirtschaftlicher, geistiger und sittlicher IVohlfahrt durch dauernden Frieden. Diesen Glauben werden wir, trotz des furchtbaren Völkerkampfes, in unsern Iserzen bewahren, auf daß wir nach Beendigung des .Krieges noch den 217ut und die Spannkraft besitzen, wieder treu zu arbeiten an dem IVerke^des Friedens und der Gesittung, an dein IVerke gegenseitigen Sichverftehens und gegenseitigen Vertrauens. IVir werden den Glauben des Judentums bewahren, daß einst der Menschheit die Stunde der Erlösung schlagen wird, indem auf der ganzen Erde das Vohe und Göttliche den endgültigen Sieg erringt über das Biedere und Ilngöttliche. 5) Der veränderten Auffassung des Messiasglaubens, der Auffassung, daß kein einzelner Sterblicher im Stande sein werde, die messianische Zeit, das Gottesreich aus Erden, herbeizusühren, wird in den neueren Gebetbüchern Rechnung getragen, indem die Stelle am Eingang des Hauptgebets: umewi goel („er bringt den Erlöser") umgewandelt ist in: umewi geulloh („er bringt die Erlösung"), siehe die Gebetbücher von Geiger, Vogelstein, Seligmann, der nordamerikanischen Rabbiner. Unsere?eiertage. von I. ]Tleyer-£ünen. liniere Feiertage? .... ixiben wir deutschen Juden denn noch Feiertage? — Tage der Feier, d. h. Tage der Ruhe und 1V e i h e, wer von uns kann sich ihrer noch erfreiten! Der Sabbath ist tätigst zum 2llltag geworden. 2l7ehr als einmal habe ich im- Religionsunterrichte, wenn ich mit den „Kleinen" die Schöpfungsgeschichte durchnahm, auf meine Frage, welcher Tag der IVoche der Ruhetag sei, die Antwort erhalten: „Der Sonntag". Ist das zu verwundern? Die jüdische junge IVelt fennt mit wenigen Ausnahmen keine Sabbathruhe mehr, wohl aber sieht sie, daß am Sonntag