Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1915)
- Date
- 1915-09-01
- Page
- Seite 118 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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118 Fronte Meyerhof: Kriegseltern 0 O 0 0 mit ihrem Schlüsselkörbchen am 2km an chm vorbei aus dem Zimmer und wußte, er werde nichts ernstliches unternehmen, sie zurückzuhalten. Ganz leise klopfte sie an die Tür des Stübchens, worin die Lichen- und Kirschbaummöbel sich vertrugen; und obwohl niemand herein sagte, trat sie über die Schwelle. Da kauerte Thrista-Marie, zu einem erstaunlich bescheidenen Häufchen zusammengerutscht, vor ihrem geöffneten Köfferchen mit dem eingedrückten Deckel und hielt die nette Trauerbluse, die Tante Fanny ihr gekauft, gegen Lippen und Augen gedrückt und weinte in den zarten Stoff hinein, daß es ein Jammer war um das edle Gebilde der Mode. Shre paar Bücher und ruinierte Pappschachteln lagen schon im Grunde des Koffers, recht schlampig hineingeworfen, und ihre übrige geringfügige Habe war auf und zwischen den Lichen- und Kirschbaummöbeln systemlos unchergestreut, so daß Frau Fanny schon eine Art von Liertanz aufführen mußte, um in die Nähe der Zimmerbewohnerin zu gelangen. Bei einem solchen Anblick gewann die gute Haushälterin, die in Fanny steckte, die Oberhand, und sie sagte bedauernd und vorwurfsvoll : „O — die gute Bluse —!" 3m nächsten Augenblick flog die gute Bluse in die Lcke, und Thrista-Marie uni den Hals ihrer Tante Fanny. Da schluchzte sie herzbrechend. O — sie ivollte fort, fort! Wohin? Sa, das wußte sie nicht. Aber Tante und Onkel könnten ihr ja nie, nie verzeihen, sie hatte Tante und Onkel doch „zu jräßlich beleeidigt", und sie hatte nie gedacht, daß Onkel und Tante 3uden — d. h. sie sagte: 3sraeliten, weil das ihrer Meinung nach weniger aggressiv klang — wären, und daß 3uden überhaupt so wären — und — und — „So —?' 3a wie denn ,so'?" „Na — 3ott — eben: ,so!' So jut — und so feein ’— und —' und —= ieberhaupt —" ' „Du hast also geglaubt —" „Ach was — jejlaubt! Sarnuscht Hab' ich jejlaubt! Ls is ja jar keein Unterschied! Sonst hätt' fch doch was jemerkt in diesen dreei Tagen —" Und Tante Fanny, die sich eigentlich eine wunderschöne, lehrreiche Rede ausgedacht hatte, die anfangen sollte: „Du willst also bei den 3uden nicht bleiben", sagte einstweilen garnichts, sondern klopfte mit ihrer Grübchenhand auf den langen Rücken ihrer Pflegetochter, bis das Schluchzen nachließ. Dann endlich schlug sie vor, zu Onkel Ferdinand zu gehen. . „Aber ich schäm' mich doch. so jräßlich —!" wandte Lhrista-Marie ein und biß auf das Lnde eines ihrer braunen Zöpfe. Trotzdem traten sie gleich darauf zärtlich umschlungen ins Frühstückszimmer ein. Hier stand Onkel Ferdinand in Positur, die linke Hand im Schlafrockaufschlag, die rechte auf einem Lxemplar von Lessings „Nathan dein weisen", das er sich als Beleg zu einer beabsichtigten oratorifchen Leistung zurechtgelegt hatte. So stand er da, ein moderner Demosthenes, oder auch zu seinem künftigen Standbild Modell posierend. Allein auch er verzichtete auf seinen Dortrag, als er die noch ein letztes Mal aufschluchzende ThristasMarie vor sich sah und ihre langen Arme an seinem graustoppeligen Nacken spürte. Lr begnügte sich damit, sie zu küssen und ganz leise und zärtlich in ihr Ohr zu wispern: „Du — Dummerle —!" Und das war die ganze Bekehrungspredigt zum reinen Menschentum, die in dieser harten Kriegszeit der Onkel Ferdinand Tron voin Stapel ließ; und der Nathan blieb auf dein Tische liegen. Ohne Lessings Beihilfe, ja ohne den mindesten Aufwand von Mühe oder Pathos war es den Kriegseltern Tron