Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1915)
- Date
- 1915-09-01
- Page
- Seite 117 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Fronte Weyerhof: Kriegsrttern 117 auf rätselhafte weise verändert. Gnkel Ferdinand sah unbehaglich, verletzt, geärgert, — Tante Fanny ernst und bekümmert aus, wie jemand, der eine Hoffnungslosigkeit überwunden hatte und nun unvorbereitet in sie zurückgeworfen wird. Beide öffneten den Mund, um etwas zu sagen; aber nur Tante Fanny sagte wirklich etwas. So war es auch das beste. Und sie sagte es mit möglichst beherrschter, ja sanfter und dennoch leicht zitternder Stimme: „Ist dir das so wichtig? Wir dachten, es käme nur auf ein gutes, menschliches Herz an, nicht auf konfessionelle Vorurteile. Du bist auch bei uns in ein jüdisches Haus gekommen." Zwei Augenpaare blickten gespannt auf das erbleichende und erstarrende Mädchengesicht, das in dieser Minute erschreckend mager erschien. Thrista-Marie erhob sich, stieß mit dem Magen an die halbvolle Kaffeetasse und brachte das damastene Tischtuch in unmittelbare Gefahr, der Tante Fannys rasch zugreifende fjaitö wirkungsvoll entgegenarbeitete. Das Mädchen blickte weder rechts noch links; sie schob ihren Stuhl so hastig zurück, daß er wackelte, und durchstürmte im Laufschritt langbeinig das Zimmer. Krachend schloß sich die Stubentür hinter ihren fliegenden Zöpfen. „So . . Naja... Da hascht's... Da hascht deine Thrista-Marie!" sagte Ferdinand mit einem niederschmetternden Seitenblick auf seine Gattin, als ob in ihr der Urquell alles Antisemitismus zu suchen und gewaltsam zuzuschütten sei. Gr erhob sich, zündete mit fliegenden fänden seine Morgenzigarre qn und begann einen eilfertigen Zornmarsch hin und her über den Teppich. Aber der traurigenttäuschte Ausdruck ihres milden Gesichtes kehrte die Wetterfahne seiner Entrüstung nach einer andern Himmelsgegend. „Da gibt man sich nun alle Mühe — schont, tröstet, bringt jede Art Opfer —" „Na — na —" begütigte sie halb mechanisch. „Etwa nicht —? Und so eine unreife, gedankenlose Gans . . . Jawohl: Gans, Hat keine Ahnung von Neligionsgeschichte — vom Nassenproblem —" Hierüber mußte Fanny mitten in ihrem Kummer lächeln. Ferdinands Geist drehte sich im Entrüstungswirbel wie eine Windhose. „Du kannscht noch lachen —! 's isch himmelschreiend! So lang der anständige Zude mit seinem heimlichen Zudentum herurngeht, wie mit einem unsichtbaren Buckel —" Und dann brach der eigentliche Kummer tief aus dem Innersten heraus in den Worten: „Onkel Ferdinand — jawoll! Hat sich 'was mit der Onkelschaft!" Sie tat sich selber leid. Aber er ihr noch mehr. So stand sie auf, ging zu ihn: hin und küßte ihn erst auf das eine Ohrläppchen und dann auf das andere, wie er es so gern hatte. Darauf schickte sie sich an, das Zimmer zu verlassen. „wohin —? Doch nicht zu dem engherzigen Ding? Untersteh' dich!" „Za," sagte sie trotz feines drohenden Tones unerschrocken. „Zu Thrista-Marie . . Mit der Kriegselternschaft sind doch auch Enttäuschungen und Erziehungsmühen verbunden —" „Mit der Kriegselternschaft ist es aus!'' erklärte er gebieterisch. „Der dürre Stecken —" gestern war sie eine reizvolle Mädchenknosx.e gewesen — „kann meinethalb Abschied nehmen und um Verzeihung bitten — dann muß sie unverzüglich aus dem Hause . . . Iedenfalls hat sie den ersten Schritt zu tun," fügte er nach kurzem Besinnen hinzu. Sie aber lächelte von neuern und ging, ihm über die frischrasierte Wange streichend.