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Liberales Judentum · 1915-09-01 · Heft 9-10 (September 1915) · p. Seite 116

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Journal
Liberales Judentum
Volume
7/8 (1915)
Issue
Heft 9-10 (September 1915)
Date
1915-09-01
Page
Seite 116 (sequence 20)
Language
German
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116 Fesnie Mryerhaf: Krirgseltern o o o o die kleinste Sommersprosse zuzugeben, falls etwa Fanny eine solche als Schönheitsfehler heranziehen werde. Nein, das Mädchen war scharmant, einfach scharmant-oder vielmehr reizend, denn man brauchte ja nun die Fremdwörter nicht mehr, am wenigsten in Augenblicken der Begeisterung. „Glaubst du, sie weiß, daß wir Juden sind?" fragte Fanny fast nüchtern aus einem nachdenklichen Stillschweigen heraus. Mit einem Buck unterbrach Ferdinand -seine temperamentvolle Wanderung und meinte: „Du vergißt, daß sie aus Lea Rosen-- reichs unverkennbarer Jüdisch!eit zu uns gekommen ist, me? Gold —" Und heute legte er sich mit dem Wohlgefühl eines Mannes schlafen, der sich mit voller Berechtigung auf den nächsten Tag freuen darf. Ueber dem dritten Tage der Cron'schen Rriegselternschaft ging überhaupt eine besonders Helle Sonne auf. Die Morgenzeitungen brachten einen glänzenden Tagesbesricht. Wie eine Fanfare dröhnte der Namie lsindenburg darüber hin; siegreich waren seine Heere in Polen eingedrungen, und die Zahl der Gefangenen schwoll mit der der Extrablätter im verhälnis von 10,000 zu 1 überwältigend an... . Froh und einig saßen Onkel Ferdinand und Tante Fanny mit ihrem Schützling beim Frühstück. Christa-Mariens Wortkargheit war heute ins Gegenteil umgeschlagen, so daß Fanny nicht ohne Besorgnis die noch sehr merkbare Nervosität des Mädchens bei sich feststellte und vorsichtig ablenkte, wenn das Plappermäulchen duf die ostpreußisch-russischen Schreckerlebnisse geraten wollte. Immer wieder zog sie ihre Hand — und mahnte durch Blicke ihren Ferdinand zu gleichem Tun — ans dem zärtlichkeitssuchenden Griff der seidenglatten Mädchenhände, um die Braunzöpfige zur Fortsetzung des Frühstücks zu veranlassen. Von der Beschreibung der aufgeregten Rühe auf dem heimischen Landgut beim Einmarsch der Russen lockte die listige Fanny ihr neues Rind mit.bewundernswerter Diplomatie hinweg zu Frau Rosenreichs weißlackiertem Iungmädchenzimmer. Herzig war es doch gewesen — nicht? Und in ihrem jetzigen Stübchen bei Crons chatte Christa- Marie nun ein stilloses Gemengsel von Lichen- und Rirschbaummöbeln. „Ach — weeißer Lack — Ouatsch!" bemerkte Christa-Marie respektlos. „Ich habe bei allem Unjlück noch riesijes Ilück jehaabt . . . . So jut wie ihr zu mir seeid — —" Lin Regenschauer rückte nahe, dem Fanny vermittels eines Gelse-Brotes zu begegnen suchte. Die Regenböe verwandelte sich sofort in einen Hagelsturm von Rüssen. Mit ihren leuchtenden Blauaugen zwischen ihren Beschützern hin und herblickend, als überschaue sie ein neugewonnenes Reich, ergriff Christa-Marie abermals Fannys linke und Ferdinands rechte Hand, lehnte sich in ihren Stuhl zurück und fragte triumphierend, als ob sie ihr letztes und wichtigstes Argument ausspiele: „Wißt ihr auch, warum ich noch janz besonders froh bin, nich zu Frau Rosenreeich jekommen zu seein?" „Nun—?" „Weeil —" erwiderte Christa-Marie glückstrahlend, „weeil Frau Rosenreeich eeine Iiedin is!" Lin Augenblick tötenden Schweigens. Christa-Marie fühlte die Lockerung der beiden Hände, die von den ihren umschlossen auf dem Frühstückstisch lagen, zu gleicher Zeit. Ihre Augen wurden groß, und erschrocken, ihre Züge entspannten sich, die Rinnlade fiel herunter. Was hatte sie gemacht? Die beiden ihr schnell lieb gewordenen Gesichter, in denen sie forschte, hatten ihren Ausdruck

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