Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1915)
- Date
- 1915-09-01
- Page
- Seite 115 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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o o O 0 Frsnie Meyrrhsf: Krregseltrrn 115 gen Tage mit Bangen entgegensehend . . Am peinlichsten hatte es Ihn getroffen, daß das Dstpreußenkind auf keine seiner gutgemeinten Anreden anders als durch ßa, Nein oder einen neuen Tränenguß. geantwortet hattej. welcher Ausblick in die Zukunft für einen an schlagfertige Unterhaltring gewöhnten wann von praktischen Beziehungen zu den weltdingen! Aber Frau Fanny Lron hatte ihrem ungeduldigen Manne einen erträglichern Verlauf des zweiten Tages geweissagt. Und wirklich: er setzte hoffnungsvoller ein und verlief vor allen Dingen trockener. Frau Fanny vermochte mit der Ueberschlanken das Thema .des Unterrichts und der künftigen Schule zu traktieren; auch wurde Ferdinands Versuch einer Neckerei, auf moderne wädlchenbildung abzielend, mit einem flüchtig aufzuckenden Lächeln nicht undankbar quittiert. Nachmittags freilich trat eine vorübergehende Stimmungstrübung ein, da die etwas feierliche Vorsitzende des Vereins zur Unterbringjung von Rriegswaisen, Frau Regierungsrat Fosterding, erschien und unter möglichster Vermeidung von Herablassung gegen das Ehepaar Tron, sowie mit einem mißglückten Anlauf zu aufmunternder Bemutterung der Verwaisten gegenüber die gleichen Bildungsgegenstände im allgemeineren Sinn beleuchtete. Erst gegen Abend .erholte Thrista-Warie sich von der „unjemietlichen" Dame. Auf diese ihre Bezeichnung hin wagte Ferdinand einen Uebergriff auf das Gebiet des ostxreußischen Dialektes und redete seine Pflegebefohlene mit unverkennbar badischer Betonung als „trautfe Warjell" an. Die Wirkung war überraschend: die .heimatliche Ausdrucksweise in süddeutscher Aussprache erschien der kleinen Gstpreüßin etwa wie ein Löwe mit einem Lammst schwänzchen und versetzte sie in einen so kräftigen Lachanfall, sdaß das Zimmer wie in einem befreienden Sonnendurchbruch plötzlich erhellt wurde. Alle Drei lachten, daß die wände klangen. Umsomehr erschrak das unvorbereitete Elternpaar, als die neue Tochter allmählich in ein noch heftigeres und leidenschaftlicheres Weinen überging. „Ihre Nerven — ihre armen, erschütterten Nerven!" flüsterte die verstehende Fanny erläuternd und mitleidig ihrem schon wieder kopfschüttelnden Ferdinand zu. Und plötzlich fühlte sie sich umschlungen und geküßt. Zn einem Ansturm unentwirrbarer Gefühle suchte Thriftas-Warie das zärtliche Frauenherz, das sich ihr so warm darbot, und schluchzte sich an diesem geduldigen Herzen wieder ruhig. Und von Zucken und Schlucken unterbrochen fragte die flüsternde wädchenstimme: „Da— darf ich — Ta— Tante sagen?" Db sie durfte?! Tante Fanny war hingerissen. Aber nun zeigte Ferdinand 'sich mit einem Wale eifersüchtig und wollte Onkel Ferdinand sein; und siehe dg: seine Ernennung ließ kaum eine Sekunde auf sich warten. Auch an seinem Halse hing Thrista- Warie, nur daß sie da schon nicht mehr weinte. Am Himmel dieses Backfischgemütes wechselten Sonne und Wolken mit märchenhafter Schnelligkeit. Onkel Ferdinand war bis auf den Feftungskern erobert, sobald er die kühlen festen Zöpfe über seine Hände fallen und die erhitzte feuchte Wädchenwange an seinem Ohr brennen fühlte. Nur eine kleine Störung in dem Genuß, mit dem er sich den eben wachgeküßten VatergefühleU hingab, bedeutete es, als ihm plötzlich mitten drin einfiel: „O weh — gerade heute bin ich nicht frisch rasiert . . ." Als an diesem zweiten Abend die Rriegseltern allein blieben, schauten sie einander lächelnd und aufatmend an. Ferdinand schritt, die Hand mit der Abendzigarre in bekräftr-, genden Gesten, bewegend, auf dem Teppich hin und wider und erörterte die inneren und äußeren Vorzüge der langen Thrista-Warie mit einer «Energie, die entschlossen schien, nicht