Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1915)
- Date
- 1915-09-01
- Page
- Seite 114 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 86% known words query
- IRI
…/3126481-3126538-3126544--2006-3128841- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
114 Fronie Meyrrhof: Krregseltern 0 0 0 0 Kriegselfern. Von Eeonic JTleyerhof. eute waren es drei Tage, daß Herr und! Frau Ferdinand Lron— bereits in der dritten Generation heißt die Familie nicht mehr Lohn — ihr ostpreußisches Rriegskind im brause hatten. Line langausgeschossene Vierzehnjährige mit sehr festgeflochtenen braunen Zöpfen, von backfischlicher Magerkeit, aber von vielversprechenden geradnasigen Gesichtslinien, angenehm erleuchtet von erstauntes graublauen Augen. Lcht ostpreußisch hieß sie Steputat, Lhrista-Marie Steputat. „Ausgerechnet Lhrista-Marie!" hatte Herr Ferdinand Lron gemurmelt, halb amüsiert und halb unbehaglich, als Frau Lea Rosenreich ihm die Angelegenheit vorgetragen hatte. Denn eigentlich war es diese Frau 'Rosenreich gewesen, eine der vermögendsten Vorstandsdamen des jüdischen Frauenvereins, die sich die ostpreußische Rriegswaise hatte kommen lassen. Allein gerade am Tage ihrer Ankunft hatte Dr. Heymannsohn eine Blinddarmreizung bei Frau Rosenreich festgestellt und eine schleunige Ueberführung der Patientin in seine Rlinik angeordnet. Vor ihrer Uebersiedelung nun sah sich Frau Rosenreich genötigt, ihre Freunde Ferdinand Lrons telefonisch zu sich zu bitten; denn hatten sie nicht gelegentlich ihre Sehnsucht nach einer Rriegswaise geäußert? So war den Lrons die Sache mit dem Rriegskind ein wenig unvermittelt gekommen; aber — wenn auch nach dem wechseln einiger beklommener Blicke — sie hatten wacker zugegriffen und das Mädchen mit den erstaunten Augen und dem unterstrichen christlichen Namen aus Frau Rosenreichs elegantem weißlackiertem Fremd en- Mmmer geholt, jux> es betränt auf seinem dürftigen Aöfferchen gesessen, und es liebevoll-selbstverständlich mit sich heimgenommen. „Aber so ein schönes Zimmer, wie Frau Rosenreichs ihres, können wir dir nicht bieten!" hatte Frau Fanny Lron sich entschuldigt. Lin paar kurze, ungeduldig wiegende Ropfbewegungen ihres Gatten hatte Frau Fanny sich richtig übersetzt: „Sich entschuldigen — auch noch!" Aber so war sie nun einmal.... Und zu derartigen leicht übersetzbaren Musterungen stummer Ungeduld hatten sich am ersten Tage von Ferdinands überraschender Vaterschaft noch mehr Gelegenheiten ergeben. Denn von seiten des braunbezopften Rindes wurden diese ersten vierundzwanzig Stunden so reichlich mit Tränen begossen, daß er als verwöhnter bisher kinderloser Lhemann ein paarmal ängstlich seinen vor Feuchtigkeit zu schützenden Parkettboden betrachtete. Und was die neue Mama betraf, so hatte sie jden ganzen Tag Anord^ nungen zu treffen, die ihm, unvorbestraft wie er war, zur guten Hälfte überflüssig erschienen. Zn der Zwischenzeit ging sie auf den Fußspitzen zwischen ihrem und ihres Schützlings Zimmer besorgt und ergriffen hin und her, immer im Zweifel, ob sie zu oft >oder zu selten ihr gptes, plötzlich mütterlich gewordenes Gesicht in die Tür des zum „Zungmädchenstübchen" gewordenen Fremdenzimmers hinein steckte. Sollte sie trösten oder nicht? Das war die Frage. „Laß sie doch in Ruh'!" sagte Ferdinand, und diesmal hatte er Recht, wiewohl der Ratschlag weniger seiner Linsicht in die seelischen.Bedürfnisse der Rriegsswaise, als seinem eigenen Bedürfnis nach der gewohnten häuslichen Behaglichkeit entsprang. „Na das kann ja nett werden — Gott soll schützen, was e Ueberschwemmung!" Das war sein Lpilog zum ersten Tage seines Vatep-Daseins. „Lhrista-Marie — hm hm hm!" Damit tauchte er aufseufzend in die frischbezogenen Kopfkissen, schon dem morgi-