Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1915)
- Date
- 1915-09-01
- Page
- Seite 110 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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110 Ludwig Geiger: Juri? und das Berliner Provinzialschuikollegiurn o o o o 4. Philipp Stern Berg (Solin eines Schneiders in Mbersitzkow), 21 Jahre alt, seit April 1837, 5. Marcus bsensche! Guttmann (Sohn eines Arendators in Bramin), 18 Jahre alt, seit April 1837, 6. Aron bsirschfeld (Sohn eines Handelsmannes in Dirschau), 18VZ Jahre alt, seit Juni 1837. Geprüft in deutscher und hebräischer Sprache, Geschichte und Geographie, Geometrie und Rechnen ergab sich: Nr. 1 ziemlich, hat Anlagen, schwach im Hebräischen; „ 2 ungefähr wie der vorhergehende, er lernt auch französich und englisch; „ 3 ohne Anlagen, wird zu einem Gewerbe übergehen; „ 4 noch in allen Gegenständen zurück; „ 5 noch zurück; „ 6 hat verstand, antwortet sicher, nimmt Privatunterricht und wird wohl ein Gymnasium besuchen. Demnach sind die beiden vorgeschrittenen Zöglinge (1 und 2) noch weit davon entfernt, lehren zu können, obgleich sie 20 Jahre alt und im dritten Jahre ihrer Lernzeit sind, wie denn namentlich alle im Deutschen schwach sind, und die meisten wenig hebräische und talmudische Kenntnisse besitzen, fast in Allem auf dem Standpunkt von Elementar schülern. Die Mittel der Anstalt emporzuhelfen sind: Anstellung eines befähigten Direktors; Aufnahme vorbereiteter Subjekte; zwei Klaffen mit festem Lehrplan. Beide erstere find einleuchtend: Ohne bevollmächtigte Direktion ist die Anstalt nicht aus der verlassenen Lage zu reißen, und viel Gutes wird unterbleiben müssen. So wie aber das Institut gehoben wird, melden sich auch bessere Schüler. Für dfe Folge müßte der aufzunehmende Seminarschüler Neigung und Beruf zum Lehrfach und genügende in den Kreis biblischer und jüdischer Studien gehörende Kenntnisse besitzen, außerdem deutsche und lateinische Schrift lesen .und leserlich schreiben, deutsch Diktiertes ohne .grobe Fehler nachschreiben können und die vier Species im Rechnen inne haben. Dje Unterstützung sollte inehr als einen Taler ausmachen, den jetzt ein Schüler monatlich erhält, und ein abgehender Seminarist Gelegenheit Haben, einige Zeit an hiesigen Schulen Unterricht zu erteilen. Gegenwärtig werden sämtliche Schüler in einer Klasse, wöchentlich 40 Stunden, unterrichtet, nämlich Bibel 7, Talmud 12, hebräisch 2, Deutsch nebst Deklamation 4, Geschichte samt jüdischer Geschichte 3, Geographie 3, Naturgeschichte 2, Geometrie 2 zu- 34 Lehrstunden: Ferner Schönschreiben 2, Rechnen 2, Zeichnen 2. Damit aber Neueintretende gehörig angeleitet, die Fortaeschrit- I tenen nicht aufgehalten, damit alle einer j Stufe der Ausbildung sicher zugeführt werden, j ist ein fester Lehrplan mit regelrechten Kurj sus, und — für die Folge — die Teilung! in zwei Klassen, eine obere und eine untere, notwendig. Ferner muß die dem Talmud gewidmete Stundenzahl abgekürzt, dafür aber Latein eingeführt werden. Das Talmudlernen .hat in Italien, Frankreich, England, Deutschland, und in einem großen Maße selbst in polen, längst aufgehört die Sache der Schule, überhaupt des Volkes zu sein. Nur der künftige Rabbiner, der Gelehrte, he und da ein Frommer, beschäftigt.sich mit dem Talmud; allen übrigen ist er fremd, und selbst wer als Knabe darin Unterricht hatte, läßt ihn liegen. Talmudische Schriften haben keinen Absatz. Jüdische Lehrer finden nicht wegen talmudischer Gelehrsamkeit, sondern wegen tüchtiger Kenntnisse und gehöriger Bildung in Deutschland eine Anstellung. Der rohe Talmudgelehrte müßte verhungern. In der Tat hat auch dieser Stand der Dinge die Talmud-Thora-Anstalten in die Bahn der : Seminarien geschleudert, und das hiesige Se-