Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1915)
- Date
- 1915-09-01
- Page
- Seite 106 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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106 Feldpostbrief aus dem Osten o o o o als Meldereiter zum Brigadestab, und wir ritten voraus. Am Flusse mußten wir warten, bis die Pioniere eine Brücke gebaut batten, die Russen batten die alte natürlich verbrannt. Dann ging es hinüber nach Mla^ dimir-Molynsk zu. Die Ulanenpatrouillen sausten über die Aecker hin und her; Infanterie schwärmte aus und ging vor, lange Reihen von dunklen Flecken im grünen Safer. Und hinten leuchten weiß die Türme der Stadt. Meldung, daß noch feindliche Patrouillen darin sind. Plötzlich geht eine dunkle Molke über die Stadt hin. Greller Lichtschein, Feuergarben. Die Kosaken fliehen und haben die Stadt angezündet. Ungeheure Rauchmassen quellen zum Simmel, dick und grau. Mir sagen noch ein paar Schuß in die Stadt und hinter dem fliehenden Feinde her.— Auffahren, schießen und wieder aufprotzen. Meiter. Kavallerie mit flatternden Lanzenfähnchen im blinkenden Sonnenschein. ' Die Stadt brennt. Mir stehen am Lug. Die Brücke verbrannt. Menschenmassen sammeln sich drüben und jammern; retten Tische und Betten aus dem Flammengezüngel Mir reiten durch den Fluß. Bis zu den Knien im'Masser. Nun der Einzug. Langsam brennt es aus. Nackt starren Kamine und bsäusergcrippe. Glühend heiß die Luft. Aschettstaub fliegt. Jammernde Menschen. Fast lauter Juden. Mir sollen löschen, aber dazu ist keine Zeit. Nun zieht es durch die Stadt, lange Kolonnen; Magen, Reiter, Fußgänger, quellen über die Notbrücke. Weiß leuchtet die Kirche, deren Turin Spuren unsrer Schüsse trägt, Hinter der Stadt liegt eine neue große Kaserne. Dort werden wir einquartiert und ruhen nun, wo gestern noch Kosaken schliefen. In der eroberten Stadt schlafen wir sicher und sanft. Am nächsten Morgen gehts weiter nach dem ebenfalls grade eroberten L. Mir wohnen in einem sauberen Häuschen und haben es hier sehr gut. Geschossen wird nicht; die Russen sind mindestens 10 km weit weg. Mir stehen nur für den Fall, daß sie das Städtchen angreifen sollten. — 1 Gestern Abend ging ich hier durch die Straßen, da sah ich in allen Häusern viele Kerzen brennen. Da wußt' ich, es ist Freitag Abend. An einem Sause ging' ich vorbei, da klang gerade ,;,Lecho Voäi". Ich ging hinein, es lockte mich unwiderstehlich, mal wieder einen' Freitag- Abendgottesdienst zu erleben. Erst starres Entsetzen der Betenden, die eingeprügelte Angst vor Militär und Mbrigkeit. Als ich aber „Gut Schabbes" sagte, beruhigten sie sich und wurden freundlich und zuvorkomsmend. Natürlich war es schmutzig, aber die Gesichtstypen vor allem interessant. Durch die starren, versteinerten Gesichter spricht der Adel des Schmerzes, der Sehnsucht und des Ideals. Ihr Auge lebt. Sie sprechen gebrochen deutsch, sind aber klug und vorsichtig; luden mich zum Essen ein. Widerstrebend blieb ich. Messer und Gabel kennen sie wohl, benutzen sie aber nicht. Es waren Flüchtlinge, bei denen ich war. Die Kosaken haben ihre Häuser verbrannt, unsre Soldaten ihre Pferde und Magen requiriert. Sie erzählen ihre Tragödie gelassen, wie etwas selbstverständliches. Regen sich nicht mehr auf. Sie sind das Leiden gewöhnt. — Wenn sie etwas verkaufen, so müssen sie verdienen. Ein schlechtes Geschäft ist ihnen entwürdigend. Lieber lgssen sie sich alles wegnehmen; das muß man eben tragen und kann man nicht ändern. Und tragen's mit stoischem Gleichmut. Lange Schule des Leidens. Mir sind als Befreier begrüßt. Soffen, daß das besetzte Land nur österreichisch oder deutsch bleibt. — ... Der Brief soll fort, da ich eben Gelegenheit habe ihn zu befördern. Darum für heute Schluß. Innigst Euer E.