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Liberales Judentum · 1915-09-01 · Heft 9-10 (September 1915) · p. Seite 105

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Journal
Liberales Judentum
Volume
7/8 (1915)
Issue
Heft 9-10 (September 1915)
Date
1915-09-01
Page
Seite 105 (sequence 9)
Language
German
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o o © o Feldpostbrief aus dem Osten 105 davon zeugen viele Tausende Eiserner Kreuze. Aber das ist ja hinreichend bekannt und vielfach auch außerhalb des Kreises unserer Glaubensgemeinschaft anerkannt worden. Die Bedeutung unserer Feldgottesdienste liegt vielmehr zunächst darin, daß die jüdischen Soldaten sehen und spüren, für sie wird ebenso gut gesorgt wje für die anderen. Ihre Dichtung vor sich selbst als Juden — die Voraussetzung der Achtung anderer vor ihnen — fordert den jüdischen Gottesdienst als ein Recht. wie die Protestanten und Katholiken, so wollen auch sie ihren Feldgeistlichen haben. Es sind nicht wenige, die ohne tieferes, religiöses Bedürfnis, lediglich um ihre Zusammengehörigkeit zu bekunden, mit uns beten. Es herrscht denn auch in diesen Feldgemeinden eine Einmütigkeit, die das vielgebrauchte Kaiserwiort wahr macht: es gibt hier keine Parteien mehr. Liberale, Orthodoxe, Ziönisten, „Assimilanten", sie mögen ihr Judentum noch so verschieden denken, sie fühlen sich als Juden einig. Ohne in Kontroversen sich einlassen zu können und zu mögen, lernen sie als Kameraden persönlich einander kennen und schätzen. Dabei kommen nicht allein die Parteien sich näher, sondern auch die sozialen Klassen, der Reiche und der Arme, der Akademiker und der Handwerker, der Großstadtjude und der Jude vom Lande. Bei den meisten kommt unser Gottesdienst aber doch gleichzeitig einem heißen Drange nach Religion entgegen, der gar nicht selten erst im Felde aus langem Schlaf erwacht ist. Ich rede allerdings von dem Soldaten der Front, nicht der Etappe; die beiden trennt eine Welt, in jeder Einsicht. Nur die wirklich den Kampf kämpfen, die täglich und stündlich dem Tod ins Angesicht blicken, erfahren eine religiöse Wiedergeburt. Sie stellt sich ganz einfach als der Glaube an einen lebendigen Gott dar, aber es ist ein tiefer, inniger weil eben erlebter Glaube. Es ist nicht schwer ihn in die jüdischen Formen zu kleiden, die ja zumeist als traute Kindheitserinnerungen im S erzen bewahrt geblieben sind. Und wenn auch unter diesen Gläubigen keine Lust zum Grübeln besteht, so doch ein umso größeres Bedürfnis zu lernen und zu wissen, was Judentum, jüdische Geschichte und jüdische Religion eigentlich sei. Es ist zu hoffen, daß die jüdischen Feldgottesdienste für die vielen, die an ihnen teilgenommen, mehr bleiben als bloße KriegÄerinnerungen, daß sie zu ihrem Teil ein neues jüdisches Geschlecht heranbilden helfen für die nahenden Zeiten des Friedens, wieder werden die Parteien aufleben und einander bekämpfen, aber es wird ein Kampf mit edleren Waffen fein. Sie alle werden sich fest zusammenschließen und niemand wird mehr gleichgültig abseits stehen, wenn der alte Judenhaß wieder sein .Haupt erhebt, was uns aber das wichtigste scheint: das neue Geschlecht wird seine Kraft 'nicht mehr in der Abwehr erschöpfen; weiterbauen wird es, wozu es in eiserner Zeit den Grund gelegt: jüdisches wissen und jüdische Frömmigkeit. mit der gleichen Zuversicht sehen wir der Zukunft unseres deutschen Vaterlandes und der Zukunft unseres deutschen Judentums entgegen. feldpoffbrief aus dem Offen. £., den 6. August 1915. Weine Geliebten! as waren ein paar unvergeßliche Tage! Seit ich Euch das letztemal aus p. schrieb, habe ich — zum ersten Wal im Krieg — eine Verfolgung der Russen mitgemacht. Ich teilte Euch mit, daß ich als Befehlsempfänger bei der reitenden Abteilung war. Am nächsten Worgen waren'die Russen über die Studzianka zurückgegangen, und wir folgten ihnen. Ich kam von der Abteilung

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