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Liberales Judentum · 1915-09-01 · Heft 9-10 (September 1915) · p. Seite 104

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Journal
Liberales Judentum
Volume
7/8 (1915)
Issue
Heft 9-10 (September 1915)
Date
1915-09-01
Page
Seite 104 (sequence 8)
Language
German
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104 Ar. Kalzberger: Aus meinem Kriegstagebuch VI. tete, trotz aller getroffenen Vorsorge, nichts weniger als Heimat an. In Grandxro mußten wir noch die Kirche mit einem Trupp Franzosten teilen, die am vormittag in den Argonnen gefangen genommen waren. Sie faßen, ein Teil Mit dem antik wirkenden Stahls- Helm auf dem l^aupt, von Bajonetten flankiert, lautlos im dunklen Hintergrund der weiten knalle, während vorn, in den Thorsftühlen, beim flackernden Licht der Kerzen mancher betete, der noch vor Stunden den blutigen Sturm mitgemacht hätte. Und in die stille Andacht hinein tönte das Krachen der Bomben, die französische Flieger auf den nahen Bahnhof abwjarfen. In Th. war in der Nacht vorher die Kirche von feindlicher Artillerie in Trümmer geschossen worden. Uns blieb nur eine leere dunkle Scheune, in der sich 200 Mann drängten. Aber inniger als wir, werden auch unsere Lieben daheim nicht gedankt haben: sebebeolisjonu dem, der uns am Leben erhalten hat, inbrünstiger können auch sie nicht gebetet haben: Unser Vater, unser König, vereitle den plan unserer Feinde. Die höchste Steigerung brachte dann der Domkippur. Die Armee-Abteilung von Strantz konnte ich an dem einen Tage begreiflicherweise nicht bereisen und hatte deshalb vorher telephonisch und persönlich bei den unterschiedlichen Divisionen um Beurlaubung der jüdischen Mannschaften nach Metz oder — wo diese nicht gewährt werden konnte — um Befreiung vom Dienste nachgesucht. Aber in unserer engen Armee hatte ich zu Kol-nidre, zu Mußaxh und Neila je einen Gottesdienst für mehrere Divisionen angcsetzt; an eine Vereinigung aller an einem Platze war wegen der Entfernungen nicht zu denken. was das für ein gewaltiger Tag ist, wie er die Seele bis in ihre tiefsten Tiefen erschüttert und zugleich erlöst und versöhnt, haben nicht wenige hier wohl zum ersten Mal empfunden. Es war wie ein zweites Offenbarungsfest; es war, als ständen wir, ringsum wüste, am Fuße eines Gottesiberges, reumütig die schwere Schuld der ganzen Welt bekennend, und durch den Donner der .Geschütze erklang uns das ewige Wort von Gottes Gnade und Barmherzigkeit. Aber ausklang der Tag, als hätten wir neue Tafeln statt der zertrümmerten vom Sinai empfangen, in den stolzen Kampfruf des „höre Israel", einen Ruf M friedlichem Kampfe für die Erkenntnis des einzigen Gottes und der einigen Menschheit. O, das alte Volk der Gottesstreiter lebt noch. Seine Propheten sind nicht mehr. Aber es selbst ist der Prophet geworden, der in sternenloser Nacht von hoher warte begeistert schaut und kündet - den messianischen Völkermorgen. Die Bedeutung der Feldgottesdienste erschöpft sich nicht darin, daß. sie einen mehr oder minder glücklichen Ersatz für die heimatlichen Gottesdienste oder für die Heimat überhaupt brieten. Es ist körperlich und vielfach auch geistig die Elite unserer reiferen männlichen Jugend, der bestimmende Faktor unserer Zukunft, was wir Feldrabbiner hier um das Banner des Judentums scharen. Zwär zur Vaterlandsliebe brauchen wir diese Jugend nicht erst zu mahnen. Die vaterländische Pflicht von ganzem Kerzen zu erfüllen, ist ihr etwas so Selbstverständliches, daß man kaum mehr begreift, wie Deutscher und Jude sein jemals irgendwem ein theoretisches Problem fein konnte; in der Praxis ist beides eins. Nur das kann man sagen, daß unsere jüdischen Soldaten — mit geringen Ausnahmen — sich der doppelten Verantwortung, bewußt sind, die sie als Deutsche und als Juden tragen. Sie wissen, daß sie wie in den ihnen mit Recht zugesprochenen intellektuellen Fähigkeiten, so auch in persönlichem Mute, in strammer Disziplin als Untergebene und als Vorgesetzte hinter den andersgläubigen Kameraden zum mindesten nicht zurückstehen dürfen, und wie hervorragend sie dies wissen auch durch die Tat bewähren,'

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