Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1915)
- Date
- 1915-09-01
- Page
- Seite 103 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Kalzberger: Ans meinem Kriegtagebuch YI. 103 frommen deutschen Spruch als Widmung schrieb. Die Höhepunkte in nnserm feldgottesdienstlichen Leben bezeichnen naturgemäß die religiösen Feiertage, die ja nun alle der Reihe nach von uns hier draußen begangen worden sind. Da war Thanukka: in einem kahlen Schulraum eines ärmlichen Dorfes strahlten von sechs Ll6nora3 die traulichen Kerzen: jeder im Raum hatte sein Lichtlein gezündet, vom Harmonium begleitet, erscholl das liebe Moos-zur aus 50 Makkabäerkehlen, und am Ende empfingen die Melden von heute wie die Kinder von ehedem ihre scherung, eß- oder kleid- oder rauchbare Dinge aus den schier unerschöpflichen Liebesgaben, mit denen mich gute Freunde aus der Heimat zu diesem Zwecke überschüttet hatten. Und nach dem trüben drückenden Winter kam s)essach, das Frühlings- und Freiheitsfest. Die Lenden gegürtet, wie die Heersscharen Israels beim .Auszug aus Aegypten, so saßen unsere Feldgrauen, Mann bei Mann an den festlich beleuchteten Sedertischen. vor jedem stand ein Glas, gefüllt mit Wein, ein jeder erhielt sein Stück vom „Brot des Elends". Rur „Bitterkraut" fehlte (durfte es nicht fehlen?); aber umso eifriger griffen alle nach der Wonne der Kleinen — charo- 868! Ein 151/2 jähriger Kriegsfreiwilliger als Jüngstes fragte ohne Stocken: ma nischtano? Warum ist dieser Abend so anders als alle anderen? Und „der Hausherr" erwiderte: Hätte Gott uns nicht so wunderbar errettet, so wären wir und unsere Kinder heute Knechte. Und dann erklangen die alten wunderbaren Melodien der ewig jungen Befreiungsnacht. Am andern Abend aber konnte man im Schein des Vollmonds aus der Kirche in Grandpre einen Zug gerüsteter Streiter ziehen sehn, jeder mit einem großen paht ungesäuerter Brote über der Schulter. Reuen Entbehrungen schritten sie entgegen, aber als freie, aufrechte Männer zum Kampfe für ein heilig' Geimatland. Was uns bis heute nichts . als geschichtliche Erinnerung aus altersgrauer Vorzeit war, wird uns mit einem Male unmittelbares Erlebnis in diesen weltgeschichtlichen Tagen. Wen hätten d»esmal die Bilder des Grauens nicht gepackt, die Jeremias Klagelieder von den Trümmern Jerusalems am Ti8eho bo Aw vor unsern Augen entrollen? Massenmord, Verwüstung und Plünderung) gräßliche Martern an Greisen und Kindern, an wehrlosen Frauen und vertriebenen, Hunger und Pest im Gefolge des Schwertes — es sind keine Bilder mehr, es ist tagtäglich Wirklichkeit, und wieder sind es unsere Brüder und Schwestern, die die Geißel des Krieges am furchtbarsten trifft. Und jeder sonnige Sominertag, der über den Wiesen und Wäldern aufging, war uns ein unbegreiflicher Widerspruch: so viel Licht, so viel Wärme, so viel Schönheit ist in der Welt; warum so viel Menschen-Iammer? Allmählich kündete der gerbst sich an und mit ihm die „ehrfurchtgebietenden Tage". Vor einem Jahr hatte ich sie, kaum im Felde angelangt, mit wenigen Betern in einer kleinen Dorfstube notdürftig begangen. Diesmal konnte ich allein zu Neujahr in sechs Gottesdiensten, die sich auf zwei Armeen verteilten, 1500 Kameraden, zum Versöhnungstag in dreien die Hälfte versammeln. Schon die Masse — es war kein Gottesdienst unter 200 Teilnehmern — hebt und trägt. Wir hätten aber auch das Glück, fast überall einen Berufsvorbeter zu finden, der die unvergleichlichen Gebete in vertrauten Weisen würdig vortrug. Wo die vom verband der deutschen Juden eigens herausgegebenen kleinen Festgebetbücher Lücken aufwiesen, half der größere Machsor nach, und es dürften wesentliche Stücke weder in den Abend-, noch in den Morgenandachten gefehlt haben. Natürlich, der Zauber, den die Heimat gerade über diese höchsten Feiertage breitet, ist unersetzlich. Unsere Umgebung mu-