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Liberales Judentum · 1915-09-01 · Heft 9-10 (September 1915) · p. Seite 102

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Journal
Liberales Judentum
Volume
7/8 (1915)
Issue
Heft 9-10 (September 1915)
Date
1915-09-01
Page
Seite 102 (sequence 6)
Language
German
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102 Mr. Salzberger: Aus meinem Kriegstagebuch TT. denken, als dieses von der ganzen Gemeinde gemeinsam gesprochene Gebet. Bisweilen lasse ich seinen tiefen Eindruck in einem ins Deutsche übertragenen j)salm milde verklingen oder aber, wenn die Beteiligung groß genug ist, machtvoll in ein patriotisches Lied austönen. Die Freude an der aktiven Teilnahme der „Laien" (eine altjüdische Regel) tritt dabei recht deutlich in die Erscheinung. Das ist im ganzen der Verlauf unseres etwa einstündigen Feldgottesdienstes. Im einzelnen finden Abweichungen statt, hauptsächlich in Rücksicht auf die Zusammensetzung der Gemeinde. Ueberwiegt die Zahl der religiös vorgebildeten, bleibt das Gebet hebräisch, im andern Falle übertrage ich geeignete Stücke, auch wohl den verlesenen Thora-Abschnitt in die Muttersprache. Rach einer j)ause verteile ich die mitgebrachten jüdischen Zeitungen und Zeitschriften, deren neueste Nummern uns Feldrabbinern von den Schriftleitungen und Vereinen freundlicherweise jedesmal in mehreren Exemplaren zugesandt werden. Da ist ein Fragen und Drängen, daß die sonst auch hier streng gewährte militärische Disziplin für Augenblicke ins Wanken kommt. Liberale, konservative, zionistische, Abwehrschriften — im Handumdrehen ist alles vergriffen. Glücklich noch der Rheinländer, der sein Kölner, der Schlesier, der sein Breslauer, der Hamburger und Frankfurter, der das Blatt seiner Heimatstadt erhascht. Nicht selten muß ein Exemplar für eine Kompagnieausreichen, von den Festschriften, die der Verband der deutschen Juden zu Lhanukka, j) es such, Schowuos und Rosch haschonoh den jüdischen Kameraden durch ihre Feldrabbiner in vielen Tausenden von Heften hat überreichen lassen, habe ich nicht eines übrig behalten. Daß dieser Eifer aber nicht etwa bloß jene Lesewut ist, mit der man im Stellungskampfe den ärgsten Feind, die Langeweile totschlägt, beweist der Umstand, daß ejn Vorrat von 200 jchalmenbüchlein (hebräisch und deutsch in der höchst brauchbaren Feldausgabe von Dr. B. May und I. B. Levy), ein Festgeschenk der Gemeinde Frankfurt a. lYt., binnen drei Tagen gänzlich erschöpft war. Gestatten es Zeit und Raum, so bleibe ich nach dem Gottesdienst mit meinen Kameraden noch eine weile gemütlich beisammen. Dann lasse ich mir von ihren Erlebnissen und Erfahrungen im Felde erzählen, oder erzähle selbst von meinen eigenen. Religiöse und politische Fragen werden aufgeworfen und erörtert, bis alle Meinungen immer wieder auf den Wunsch sich einigen: ginge es nur bald vorwärts zum entscheidenden Siege und zum Frieden! Gern würde ich auch die französischen Glaubensgenossen zu einem Gottesdienst heranziehen. Allein der Zufall will, daß im Bereiche unserer Armee mit einer Ausnahme größere Städte und damit jüdische Genieinden nicht vorhanden sind. Nur in Longwv habe ich, mit bereitwilligst erteilter Genehmigung des Etappen-Kommandanten, einen freilich sehr schwach besuchten Gottesdienst für die jüdische Zivilbevölkerung gehalten. Doch suche ich in Montmedy regelmäßig eine jüdische Familie auf und habe mit dort einquartierten jüdischen Kameraden an ihrem gastlichen Tisch schon manchen schönen Freitag- und Festtag-Abend verbracht; daß unsere Wirte mit derselben glühenden Liebe an ihrem französischen Vaterland hängen wie wir an unserem deutschen, hat dem häuslichen Frieden noch niemals Abbruch getan. Zum Versöhnungstag habe ich den Juden in einem russischen Gefangenenlager, die an: Gottesdienst nicht teilnehmen konnten, auf ihre Bitte Feldgebetbücher geschickt. Als Dank erhielt ich einen Brief des diensttuenden Offiziers, eines Thristen; er spricht darin seine Bewunderung für die Religiosität dieser Leute aus, die er dadurch noch besonders erfreut hat, daß er in jedes Büchlein einen

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