Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1915)
- Date
- 1915-09-01
- Page
- Seite 101 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Nr. Salzbrrger: Aus meinem Kriegstagebuch VI. 101 den Schützengräben, um nach dem (Sjotte% dienfte geradewegs dahin zurückzukehren. Längst hat sich eine feldmäßige Liturgie eingeführt. Am Freitag-Abend zwar bleibt es bei der üblichen, fodaß nicht einmal der Kiddusch fehlt, aber am Vorüsittag müssen wir sie bis auf die wichtigsten Stücke kürzen, die. das nun allgemein verbreitete und bewährte! Feldgebetbuch enthält. Meldet sich auf meine! Frage ein geschickter Vorbeter, so tritt er an den nie fehlenden Tisch, andernfalls versehe ich seine Stelle. Im Mittelpunkt der Tagestandacht steht die Vorlesung der Sefer Thora, die ich) in einer kleinen tragbaren heiligen Lade bei mir führe und feierlich aus- und einheben lasse. Aus dem laufenden Wochenabschnitt wird ein Stück gelesen und dazu nacheinander ein Kohen, ein Levi und weitehhin jeder aufgerufen, dem ein besonderer, freudiger oder schmerzlicher Anlaß den Wunsch eingibt. Einigen ist der stolze Dank für die göttliche Erwählung Israels yur noch eine dunkle Erinnerung von der Barmizw'a her; viele aber sprechen die beroeüo sichtlich bewegt. Im Einschluß an die Thoravorlesung halte ich eine Ansprache — predigt wäre zu viel gesagt. Ich stehe auf keiner Ranzel und. trage keinen Talar. In das gleiche Feldgrau gekleidet wie meine Zuhörer, die Dienstmütze auf dem Kopfe (der offizielle Südwefter ist gar zu unförmig!), den Tallis um die Schultern, spreche ich als Kamerad zu Kameraden. Vorher wohl durchdacht, aber nicht ausgearbeitet, schmucklos schlicht in der Redeweise, einfach im Vortrag, ist solch eine „Feldpredigt" nichts weniger als ein Kunstwerk; je knapper und kerniger sie ist, desto besser. Es find Männer, ganze Männer, zu denen wir da sprechen. Der Krieg hat sie handeln gelehrt und — schweigen. Je mehr einer von dieser eisernen Zeit erlebt hat, desto weniger ist er geneigt, davon zu reden; und dje iam meisten reden, haben am wenigsten erlebt. Mir ist selbst bisweilen bange, wenn ich „das Wort ergreifen" soll, hier im Feld, wo nur die Tat gilt. Wird das Wort auch meine Zuhörer ergreifen? Ich war betroffen, zu beobachten, wje ruhig sie die Seelenfeier ließ, die sonst — und ganz gewiß in diesem Jahr — doch die ganze Gei-, meinde erschüttert. Der Krieg hat ihr Verz! gegen die Schrecken des Todes gehärtet. Und dennoch sind sie so empfänglich und so dank- : bar für jedes Wort wie niemals vorher! Alle wollen sie hören, etwas Anderes, höheres. Schöneres als was im ewigen Einerlei des Dienstes an ihr Ghr schlägt, etwas, was sie für die Stunden der drückenden Enge entrückt, was ihr Denken anregt, ihr 'Gemüt befreit, ihren Willen stärkt, nichts philosophisches und nichts Apologetisches, etwas allgemein Menschliches, was Güte und Freude, was bieimatsluft und Friedenshoffnung atmet und dabei doch weder der kriegerischen noch der besonderen jüdischen Note entbehrt. Der Gefahr, sich zu wiederholen, die iM Kriege besonders groß ist, weil alles sich um eines dreht, begegnet der Prediger am besten dadurchdaß er sich wie im Frieden an die heilige Schrift hält. Sie sagt ja im Grunde auch nur ein und dasselbe; aber sie ist in der gedanklichen Darstellung dieses Einen, in seiner Beleuchtung durch Einzelschicksale und Volksgeschichte so unerschöpflich, daß der Geübte, ihr getreulich folgend, immer neue Seiten der Betrachtung, immer neue Beziehungen zu den Fragen und Geschehnissen findet, die unsere Zeit gewaltig bewegen. Haphoch bah. wahaphoch bah dechollo bah; schlage die Thora auf, wo du willst: es steht alles darin. Die Ansprache mündet in ein Gebet für Kaiser und Reich und schließt mit dem Priestersegen, der hier die Kämpfer zu neuem Kampfe weiht. Dann erhält der Vorbeter wieder das Wort, bis am Ende der Rabbiner mit einer kurzen Erklärung zum Kaddisch überleitet. Es ist kaum eine ergrei-! fendere Ehrung der gefallenen Velden zu ge-