Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1915)
- Date
- 1915-09-01
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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100 Ar. Satzbrrger: Aus meinem Kriegstagebuch VI. o o o o Kerzen sich drängt. Auch eine Autohalle,! eine Scheune oder Schenke müssen gelegentlich! als „Synagoge" dienen. Dem ziehe ich doch bei weitem die Kirche oder Kapelle vor, wo nicht ein Zelt für kirchliche Andachten errichtet ist. Nur konfessionelle Engherzigkeit könnte an einem jüdischen Gottesdienste in einem christlichen Gotteshause Anstoß nehmen. Zch.meine vielmehr, wir sollten dankbar die Meitherzigkeit anerkennen, mit der diese katholischen Kirchen auch uns Juden eingeräumt werden. Mar er nicht unser, der das herrliche Mort gelehrt hat: „chaben wir nicht alle einen Vater, hat nicht ein Gott uns erschaffen?" Alan könnte einwenden, daß der Gottesdienst in Ermangelung eines geeigneten geschlossenen Raums am zweckmäßigsten im Freien stattfände. Zn der Tat haben wir uns manchenorts gleich den christlichen Feldgemeinden an einen: Platz im Freien zusammengefunden, im Schatten einiger Bäume während der Sommermittagsglut, im herbstlich kühlen Abendwinde unterm Sternenhimmel, einmal auch am frühen Morgen so dicht hinter den feindlichen Stellungen, daß uns nur ein kleines Gehölz ihnen verbarg und wir nicht singen durften, um nicht ihr Feuer auf uns zu lenken. Aber so stimmungslvoll eine solche Andacht mitunter sein mag, sie ist zu vielen Störungen ausgesetzt und macht die innere Sammlung nicht leicht; an vielen Orten ist zudem jede größere Verenigung im Freien wegen d!er Fliegergefahr verboten. Und Synagogen? Za natürlich, wo eine steht und groß genug ist, benutzen wir sie mit Freuden! Zch denke an einen Freitag-Abendgottesdienst, den ich nach drei Monaten strengsten Dorf- und Feldlebens in der schmucken Synagoge zu Sedan hielt — nur stellte sich hinterher zu meiner Betrübnis heraus, daß diese hochgeschichtliche Stadt gar nicht mehr zu meinem Sprengel gehörte! Zm Bereich unserer Armee habe ich auf französischem Boden bisher nur Stemples israelites j | entdeckt; der eine eine richtige Synagoge j mit Spuren des Krieges an: Portal in dem arg beschossenen St. Mihiel; auf der Kanzel, wo sonst mehrmals im Zahre der Rabbiner von Verdun stand, stand an einen: Freitag'- Abend ich und predigte einer kleinen deutschfeldgrauen Zuhörerschaft. Die beiden anderen sind hergerichtete größere Stuben in Mietshäusern, eine in Longwy, zu Füßen der ausgestorbenen Festung, und eine in Thiaucourt; bei der letzteren fand ich kürzlich den Fuß-, boden zum Schütze gegen Fliegerbomben mit Sandsäck'en belegt. Es braucht kann: gesagt zu werden, daß unsere Militärbehörden Vorsorge getroffen haben, damit kein Unberufener diese Räume betrete. Es hatte etwas Ergreifendes für mich, die Thorarollen in ihrem friedlichen Schrein zu sehn, aufgerollt an der Stelle, wo der französische Vorbeter, schon unter dem Donner der Kanonen, Ende August oder Anfang September vorigen Zahres sie seiner Gemeinde verlesen hatte. Ein Zahr bin ich nun im Felde und bin in dieser Zeit weit über zweitausend jüdischen Kameraden aus allen Teilen unseres Vaterlandes begegnet. Es haben sich bestinnnte Feldgemeinden herausgebildet, die sich um eine Kerntruppe gruppieren, und ich Weiß im voraus mit einiger Gewißheit, welche Gesichter ich da und dort sehen werde. Manch einer der Getreuen fehlt eines Tages: er ist verwundet oder gefallen. Aber immer wieder treten neue hinzu. Die Zahl der Teilnehmer ist schwankend. >Zch habe schon -Gottesdienste mit weniger als „zehn erwach!- senen männlichen Personen" gehalten; durchschnittlich sind es 30—40. Natürlich sind alle Maffengattungen und alle Mannschaftsgrade vertreten; es sind auffallend viele Untersoffiziere und Feldwebel, gelegentlich ein Offiziersstellvertreter oder Offizier und fast stets ein Arzt oder ein Beamter. Oft kommen die Mannschaften, Gewehr über der Schulter, j die Patronentaschen am Gürtel, weither aus