Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1915)
- Date
- 1915-09-01
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Ar. Salzberger: Aus meinem Kriegstagebuch VI. 99 - grenzten Gebiete zu tun Hut, in das er sich meist noch mit zwei Hilfsgeistlichen teilt. Der Feldrabbiner aber ist das einzige „geistliche Oberhaupt" einer ganzen Armee, und wenn diese gar, wie in meinem Falle, eine Doppelt armee darstellt, so grenzt die strenge Durchführung einer Gottesdienstordnung auch bei einem langen Stellungskriege nahe an das Unmögliche. Um überhaupt durchzukommen, bin ich genötigt, meine Gottesdienste, wenn sie nicht gerade in der Etappe stattfinden, divisionsiveise abzuhalten. Ich vereinbare sie nach Drt und Stunde jedesmal etwa eine Woche vorher telephonisch oder persönlich mit dem zuständigen Adjutanten des Divisionsbezw. Korpskommandos, und dieses gibt, vorausgesetzt, daß die Gefechtslage die Abhaltung eines Feldgottesdienstes gestattet, die entsprechende Mitteilung durch Tagesbefehl bekannt. Die Gottesdienste in der engeren 5. Armee ermöglichen mir in der Regel, am Abend wieder an meinem Standort zu sein. Ich setze dann ein bis zwei Tage aus, um die Lazarette zu besuchen und neue Vereinbarungen zu treffen. Mache ich dagegen die Rundreise durch die benachbarte Armee-Abteilung von Strantz, so findet mich jeder Tag bei einer anderen Division. Es leuchtet ein, daß ich mich nicht auf eine Freitag-Abend- oder Sabbat-Vormittag-Ändacht versteifen darf. Sabbat oder Wochentag, Vormittag oder Nachmittag — außer der Nacht gibt es keine Zeit, die für den religiösen Zweck nicht in Frage käme. Auf diese weise erhalten alle jüdischen Mannschaften der Armee alle sechs bis acht Wochen (abge-, sehen von den Feiertagen) Gelegenheit zum Besuch eines jüdischen Feldgottesdienstes. Die Zahl derer, die an keinem einzigen teilgenommen, obwohl sie seit Beginn des Krieges im Felde stehn, dürfte dennoch nicht gering sein. Die Schuld liegt in den seltensten Fällen bei ihnen; sie ist vielmehr in dein Umstand zu suchen, daß der betreffende Divisionsbefehl durch irgend einen Zufall oder infolge der Nachlässigkeit eines untergeordneten Organs nicht weit genug oder nicht rechtzeitig durchdringt — eine Klage, in der die Feldrabbiner aller Armeen, ja die Feldgeistlichen aller Konfessionen übereinstimmen. Von einem mangelnden Entgegenkommen der höheren militärischen Stellen kann nicht die Rede sein. Die ManUfschaften werden zur Teilnahme am Gottesdienst nicht „befohlen"; sie wird ihnen freigestellt. Da ist es von Wichtigkeit, daß von oben ausdrücklich und nachdrücklich wert gelegt wird auf religiöse Betätigung, wiederholt haben Regimentskommandeure und Divisionsadjutanten unfern Feldgottesdiensten beigewohnt, um, wie sie mir nachher erklärten, dadurch ihre Dichtung vor jeder echten Religiosität zu bekunden. Einzelne Divisionen haben aus freien Stücken einen jüdischen Hilfsgeistlichen zugelassen, damit die jüdischen Soldaten wie ihre christlichen Kameraden alle vierzehn Tage ihre öffentliche Andacht haben. Und es spricht gewiß für eine lebhafte Anteilnahme, wenn mich ein Divisionsgeneral einmal erfreut beglückwünschte, weil ich die für einen normalen Gottesdienst ungewöhnliche Zahl von 200 Betern ihm melden konnte. wo wir unsere Gottesdienste halten, ist nicht leicht zu sagen. Ueberall, nur im Schützengraben nicht. Aus Neugier — ich muß es gestehen — bin ich in diese Welt-, berühmte Behausung der eigentlichen Melden des Krieges einmal hinab gestiegen, aber zur Versammlung der weithin verstreuten Glaubensbrüder eignet sie sich nicht, wir kommen an einem möglichst zentral gelegenen Orte hinter der Feuerlinie zusammen. Günstigenfalls gibt ein Rathaus, ein Schulhaus oder ein Soldatenheim einen Saal als Betraum her. weniger angenehm ist schon das gewöhnlich niedere, enge Mannschaftsquartier, ein „bombensicherer" Unterstand oder ein Keller, wo Kopf an Kopf inr Schein der