Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1915)
- Date
- 1915-09-01
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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. 98 Ar. Coblenz: Freudigkeit Bern. Da wallte es heiß' in mir auf. Ich war im Innersten erschüttert. Aber als ich dann wieder seinen ungebrochenen Lebensmut sah, die selbstverständliche, natürliche Heiterkeit seines Wesens, da wußte ich: der Mann steht über seinem Schicksal. Er trägt einen goldenen Schatz in sich: die rechte Freudigkeit, die das Herz jung erhält. Und ejn junges Herz ist immer zugleich ein arbeitsfrohes Herz.' Aus der inneren Freudigkeit wächst der Wille zur Arbeit, und das Bewußtsein der geleisteten Arbeit schafft wiederum innere Freudigkeit, pflichttreue und Frohmut des Herzens gehören zusammen. In einem Brief aus dem Felde hat mir ein früherer Schüler ein schlichtes Erlebnis mitgeteilt: nach tagelangem, nervenzerreibendem warten im Schützengraben mußte er in stockfinsterer Nacht mit seinen Kameraden hinausziehen, um ein Stück des Annäherungsgrabens an den Feind fertig zu schaufeln. Es war ein stürmisches Wetter. Der wind peitschte ihnen Schnee und Regen ins Gesicht. Und doch mußte die Arbeit fertig werden, und jedem wurde sein Teil zugewiesen. Aber wieviel sie auch schafften, der Graben wollte die vorgeschriebene Tiefe nicht erreichen, und die müden Glieder versagten fast den Dienst. Da meinte einer: wir wollen es uns leichter machen. Laßt uns flache Erdplatten ab stechen und bis zur vorgeschriebenen Höhe übereinanderlegen. Das geht sehr schnell, und wir kommen zur Ruhe. Der Vorschlag fand bei den meisten Beifall, denn die abgespannten Nerven sehnten sich! nach Rast, Nur einer widersprach, ein schlichter Arbeiter, ein Mann aus dem Volke: es ist uns befohlen, worden, den Graben zu schaufeln. Er soll Schutz bieten gegen den Feind, wie ihr es jetzt machen wollt, ist die Arbeit nutzlos, denn die dünnen, übereinandergeschichteten Lrdplatlen halten keine Kugel ab. Und wenn zufällig gerade an meiner Arbeitsstelle ein Kamerad verwundet oder gar tödlich getroffen würde — ich müßte mich als den Mörder betrachten, und mein Leben lang könnte ich nicht wieder froh werden. Unverdrossen schaufelte er weiter mit jener Ruhe der Selbstverständlichkeit, die durchhält, weil sie stark ist in sich. Da gingen auch die anderen ganz still wieder ans Werk, und sie rasteten nicht eher, als bis die Arbeit vollendet war. Der eine, der aus der selbstsicheren Freudigkeit seiner Seele die eigene pflichttreue geschöpft hatte, gab auch ihnen durch die Macht seines Vorbildes die Freudigkeit ihrer Seele wieder. Aus meinem Kriegstagebuch. von Rabbiner Dr. Salzberger-frankfurf a. 111. VI. Unsere F e l d g o tt e s d i e n st e. m Bewegungskriege ist der Feldgottesdienst auf den Zufall angewiesen. Unmittelbar vor oder nach dem Gefecht glückt es dem Geistlichen vielleicht, die Truppen zu einer kurzen, dafür umso eindrucksvolleren Andacht zu versammeln; im übrigen muß er seine Tätigkeit auf die Seelsorge an den verwundeten und den Liebesdienst an den Sterbenden und verstorbenen beschränken. Dagegen gibt der Stellungskrieg wie dem gesamten militärischen Leben, so auch dem religiösen Ruhe und Regel. Nach einem Stundenplan, der nur geringen Schwankungen unterliegt, kann hier im Westen der Feldgeistliche nun schon länger als ein Jahr seine „Diözese" nicht viel anders als im Frieden versehen. Das trifft zunächst freilich nur auf den christlichen Feldgeistlichen zu, der es als i Divisionspfarrer mit einem räumlich eng be-