Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1915)
- Date
- 1915-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3126481-3126538-3126544--1989-3128824- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
überdies Judentum ITlonatsfdirift für die religiösen Interessen des Judentums kerauLgegeben von der Vereinigung für äas liberale luäentum in veufkekianü unter der Redaktion von Dr. Laelar Seligmann, Rabbiner in frankfurt a. m. No. 9 und 10. Jahrgang 7. Septbr. u. Oktbr. ISIS. Freudigkeit. Von Rabbiner Dr. Coblenz-Bielefeld. Nur das, was aus uns selbst entsprungen ist, ist treu und fest, nimmt zu und begleitet uns bis ans Ende. Seneca. *1/* rieg und Freudigkeit! Klingt das nicht wie ein unversöhnlicher Gegensatz? Und doch ist auch im Kriege Freudigkeit nötig. Allerdings Freudigkeit von der rechten Art! Als im verflossenen Jahre unsere Truppen ins Feld rückten, da sahen wir an den wagen der Züge, die täglich an uns vorüberrollten, mit groben Strichen gezeichnete Spottbilder unserer Gegner. Das alles war sicherlich gut gemeint, aus dem Geiste der unerfahrenen Jugend heraus, die mit fröhlicher Sorglosigkeit die Dinge ansah. Jm Jubelsturm der Begeisterung glaubte man spielend den Sieg erringen zu können. Seitdem sind Monate ins Land gegangen, und immer noch rollen neue Züge an uns vorüber, die unsere Soldaten ins Feld bringen. Lins aber habe ich an all diesen Zügen nicht mehr gefunden: Spottbilder vom Feinde, die der Uebermut zeichnet. Denn übermütig sind sie heute nicht mehr, die jungen Menschen, die für das Vaterland ihr Leben ejnsetzen. Zu viel Lrnstes und Schweres haben sie inzwischen schon gesehen und erlebt. Ausgelassene Lustigkeit kommt da nicht mehr auf. Und doch sage ich noch einmal: auch zum Krieg ist Freudigkeit nötig. Nicht leichter Sinn und sorgloser Uebermut, sondern jenes Frohsein, das von innen herauswachst, jene prachtvolle, gesunde Heiterkeit der Seele, die vielleicht das köstlichste Gut ist, das unsere Truppen im Felde besitzen, wir lesen so oft von dem unverwüstlichen Humor, der den Leuten draußen den furchtbaren Lrnst des Krieges um so vieles leichter und erträglicher macht und ihnen über alles Schwere hinweghilft. wißt ihr, woraus dieser Humor seine Kraft gewinnt? Aus dem Bewußtsein der Ueberlegenheit, mit , dem die Menschen draußen ihrem Schicksal gegenüberstehen. Ls ist das sichere Gefühl: du kannst mich doch nicht unterwerfen, Herzensfreudigkeit, die ihren Frohmut nicht verliert, weil sie sich innerlich stark weiß! Mag selbst das Schwerste kommen, solche Herzensfreudigkeit versagt nie. vor wenigen Tagen fuhr ich auf der Straßenbahn. Neben mjir stand ein blutjunger Mensch im bürgerlichen Kleid, die Brust mit dem eisernen Kreuze geschmückt. Ich unterhielt mich mit ihm. Lr war fröhlich und guter Djnge. Aus seinem ganzen Wesen sprach frischer, heiterer Lebensmut,, und erst als er ausstieg, bemerkte ich: er hatte nur noch ein