Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1915)
- Date
- 1915-07-01
- Page
- Seite 88 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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88 Frsnir Mryerhsf: Heimatdorf, Jum Todestage Fudwig Franks Nie war ein Erdreich lockerer, alles Hohe und Edle und wahre, was unsere Religion uns gibt, in sich aufzunehmen, als heute die Seelen unserer Rinder. „wie der Hirsch nach frischem Wasser, so schreit unsere Seele nach Gott." Daß es der Gott unserer Väter sei, dafür laßt uns Mütter heilige Sorge tragen. Heimatdorf. Zur ersten Wiederkehr des Todestages Ludwig Franks am 3. Septbr. Von beonie JTleyerhof-frankfurt a. Ul. s war im Mai. Weißrosa Schaumkränze von Apfelblüten umgaben das weit-- räumige, reinliche Dorf. Aus den ländlichen Gärten quoll Fliederduft, über ihre Zäune hingen die gelben Japanischen Laternchen des Goldregens. Zn diesem traumhaft üppigen Zahr, wo das Blut der edelsten Zugend den Boden des Vaterlandes düngt, gedeiht neben deM Schrecklichen das Schöne in unerlebter Pracht. Es hielt mich nicht länger: ich mußte die Heimat des toten Freundes kennen lernen, Ludwig Franks — eines der ersten und teuersten Opfer dieses endlosen, furchtbaren Rrieges. Seine alten Eltern riefen mich zu sich. Sie wollten die Freundin des Sohnes sehen, von der er daheim seit Zähren gut und.herzlich erzählt hatte.' Zwischen wiesen und Gehölz ging die wagenfahrt von der letzten Station Dinglingen aus durch maienlaues leises Regengetröpfel eine Stunde lang dahin. Ein Dorf erschien, ein zweites. Ein schimmernder kleiner Weiher, darin sich das weißrosa Rund eines blühenden Bäumchens spiegelte, deutlich, ruhig, wie eine zweite Wirklichkeit — ein gestieltes weiches Bällchen, wie für Rinder> Hände. Und wieder wiesen. . . Dann — fern, dumpf — ein Donnern . . . Gewitter? Nein: das ferne Herübergrüßen der Ranonen aus den Vogesen; es rollt über den Rhein, über die weiten Wiesenflächen heran bis zu den Ohren der beraubten Eltern, ein Gruß vom Rriege, der ihnen den Stolz ihres Alters genommen hat. Aber sie klagen nicht. Der liebe Alte, hoch und stattlich wie der hingeopferte Sohn, sitzt mir gegenüber im Wägelchen, meine Hand in der seinen, und wir plaudern vor: dem Unvergeßlichen, Unverschmerzbaren, der uns nach seinen: Tode zusammengeführt, als ob wir uns von fe gekannt hätten. Und als das Wägelchen vor dem schönen alten Fach-- werkhause in Nonnenweier vorfährt, da umarmt mich die alte Mutter, aus deren bleichem Greisinnengesicht die Züge des Sohnes mich anblicken, wie eine Verwandte. Auch sie klagt nicht. „Es kommt vom Himmel," sagt sie einfach. Und mit den schnellen, sicheren Bewegungen, die ich am Sohne gekannt, eilt sie hin und her, dem Gaste aufzuwarten. Leise drängt sich die Sonne durch den letzten verschwebenden Regenschleier, spiegelt sich in dem Raffeegeschirr, beleuchtet das große Bild des Sohnes, das an der wand hängt, — auch daheim in meinem Besitz als verkleinerte Nachbildung. Er sitzt vor-- gebeugt, mit dem gütigen aufmerksamen Ausdruck, mit dem er einem Bericht zu folgen pflegte. Und nun die größte ^Ehrung des Gastes: ich darf in Ludwigs Zimmerchen wohnen! Ehrfürchtig tret' ich ein. ^Er hat das kleine Viereck mit modernen, bequemen Möbeln ausausgeftattet. Ueber dem Bette ihängen — garnicht sozialdemokratisch! — die Klassen^ mützen aus der Gymnasialzeit, die Soldatenmütze und die Achselklappen laus dem militärischen Dienstfahr 1894—95, und ein Rappier aus den Studentenjahren.