Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1915)
- Date
- 1915-07-01
- Page
- Seite 87 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Gila Seligmann: Usr hundert Jahren und heute 87 einander her. Jetzt tun die Iudenkinder dies freilich nicht mehr, denn die Gebete .sind in's Deutsche übersetzt werden, aber — sröin!-- mer sind sie deshalb nicht: ihre Litern, die noch aus jene Weise erzogen worden, warfen die ihnen lästigen Beobachtungen der jüdischen Gebräuche, worin allein ihre Religion bestand, beiseite, sobald sie ihre eigenen Herren wurden, es trat nichts an die Stelle, und so fetten sie fort ohne Gedanken an Gott, als höchstens in Zeiten der Niot. Die Rinder wurden nun auf dieselbe Weise erzogen, man wollte sie nicht lehren, was man selbst nicht glaubte, und so wurden und werden sie in keinem Glauben erzogen — keine Anj-- dacht erfüllt ihr Gemüt, und sie können nicht beten zu Gott, wenn jihr Herz gedrückt ist und geängstigt von unendlicher <Vual. —" Spricht nicht Henriette Herz mit dieser Klage über die Erziehung der damaligen Rinder genau das aus, was die heutigen Führer und Anhänger des Liberalen Judentums mit Sorge in die Zukunft schauen läßt, weil siees als Mangel am Judentum erkannt haben, und was sie bessern möchten mit aller Kraft? Das ist es ja, was sie »dem Judentum unserer Tage wieder neu zusühren möchten: das persönliche Verhältnis zu dem Unendlichen, was den jDsalmendichter rufen läßt, „wie der Hirsch nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele nach Dir, o Gott," die persönliche Frömmigkeit, die in ihrem Glauben Trost und Erhebung findet, und die in dem Judentum, wie es Henriette Herz und ihre Zeit kennen gelernt hat, nicht zu ihrem Recht gekommen ist. Und sie ist auch im gegenwärtigen Judentum, teils durch die kühle Gleichsetzung der Religion mit Sittlichkeit, teils durch die Veräußerlichung der Religion in den vielfach seelenlos geübten Formen nicht zu ihrem Recht gekommen. Dieser klar erkannte Mangel ist es, der der neuen liberalen Bewegung Lebensherechtigung und Zukunft gibt. Wir sehen es heute mehr als je mit schmerzlichem Verständnis. „Die Vernunft, welche die Gebildeten sich zur Stütze und Hilfe nehmen, reicht nicht hin, sie zu tragen in schweren Leiden."*) Nicht nur unsere tapferen Helden da draußen haben wieder beten gelernt in höchster Not, auch wir Daheimgebliebenen suchen in unserem hilflosen Jammer unseren Gott, wir brauchen einen lebendigen Auell, unsere dürstenden Seelen daran zu laben. Erfüllt es Ans nicht heute noch mit tiefstem Schmerz, daß die geistig hochstehenden Töchter Moses Mendelssohns, Dorothea und Henriette, daß eine Rahel Lewin und auch Henriette Herz in ihrem Alter die Taufe genommen? Es ist rau: aus dem einen Beweggrund zu verstehen, daß sie, berauscht von der neuen Kultur, die ihnen zuerst, durch französischen Geist und dann durch den Verkehr mit deutschen Denkern und Dichtern übermittelt wurde, die alten, für sie überlebten Formen des gesetzestreuen Judentums ganz abschüttelten und dann in ihrer Religion nichts fanden, was sie an Stelle der toten Formen setzen konnten. Ihre Seelen dürsteten nach Gott, nach einen: Gott, den sie nie kennen gelernt, und nur so kann eine Henriette Herz schreiben, nachdem sie die Taufe genommen: „Glücklich der, dem später im Leben wenigstens noch das schöne Licht des Glaubens im Innern aufgeht, und der nicht stirbt, ohne von jenem erhebenden, beglückenden Gefühl der Andacht durchdrungen gewesen zu sein; Gottes Gnade sei es Dank, daß auch mir dieses Glück ward." Treibt dieser Dank nicht uns späten Enkelinnen noch die Schamröte in's Gesicht? Ein Mahnruf soll es uns sein, der mit Flammenschrift in unserer Seele brennt, daß wir an unseren Kindern gut machen wollen, was frühere Geschlechter gesündigt. *) Tagebuch von Henr. Herz.