Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1915)
- Date
- 1915-07-01
- Page
- Seite 90 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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90 Leonie Meyerhof: Heimatdorf, Zum Todestage Fudwig Franks Und plötzlich öffnet sich die Tür — aus einem jugendlichen Männergesicht blicken mich die großen lebendigen Augen des Verewigten an; und mit dem schalkhaften Lächeln des Vaters sagt Ludwig Franks jüngster Bruder: „fjafc's schon gehört, daß Sie hier sind! Jeder im Dorfe hat mir's zugerufen!" An jedem Sabbat kam der gute Sohn von Straßburg herüber zu den Eltern, bis -ja, bis das Vaterland auch ihn zu den Fahnen rief. Augenblicklich wird er in Braunschweig zum Infanteristen ausgebildet. Auch darüber jammern die Eltern nicht. Still verbirgt eins vor den andern die heimliche Sorge. Gottergeben tragen, was der fjtmmel schickt — das ist die ernste Lebensweisheit dieser aufrechten Menschen. Nur aus eineni solchen Hause konnte ein Mensch wie Ludwig Frank hervorgehen: stark, aufrecht, ehrenhaft, zielbewußt und treu. So, wie nun der .Jüngste neben der Mutter sitzt, die alte Arbeitshand wortlos liebkosend, so saß wohl auch der ältere Bruder da, wenn er heimkehrte aus seinein politischen Kämpfen und Aufregungen zu der warmen Friedensstätte der Heimat, des Elternhauses. Ls sieht alles so einfach, so selbstverständlich aus. Und es ist doch so viel Selbstbezwingung, so viel Liebe, so viel Ehrfurcht und Schonung darin, so viel natürlicher Anstand den Tatsachen des Daseins gegenüber in dem Verhältnis dieser schlichten Menschen zueinander. Ehe der Sohn scheidet, empfängt er den Segen der Eltern. Das Haupt des zu Segnenden'muß nach alter Sitte bedeckt sein; und so schlägt die Mutter dem Dasitzenden einen Zipfel ihrer Schürze über das Haar. So wird es auch bei dem Andern geschehen sein, ehe sie ihm die Hände aufs Haupt legte — denn ohne den Elternsegen ging er niemals fort zu seiner Tagesarbeit in der Großstadt. Alle Angehörigen der Familie besuchen wir, der „Gnkel" und ich. Die Tante bleibt daheim; und stubenbleich, wie ihr liebes Gesicht, finde ich auch die Gesichter der übrigen alten Frauen der Familie — liebe, kluge Gesichter darunter. Sie gehen nicht aus, die alten Frauen von Nonnenweier. Keiner Städterin Haut sieht so weiß und geschont aus wie die der jüdischen Greisinnen von Nonnenweier ... In der Stube jeder dieser Familien hängt eine große jDhotographie vom Ludwig. Sie reden nicht viel darüber, aber das Bild redet selber, und der Blick, der darauf haftet. Auf den breiten sauberen Dorfstraßen begegnen uns sabbatlich promenierende jiddische Familien, viele jüngere Ehepaare mit ihren gutgekleideten Kindern. Denn es ist viel Wohlhabenheit im Dorfe. Friedlicher Abendschein, müßiges Schlendern. Auch junge Mädchen, manche nach der letzten oder doch vorletzten Mode gekleidet, wandeln in Neihen, die Arme ineinandergehakt — die jungen Männer fehlen auch hier. Und schwarze Kleider erzählen von den unvermeidlichen Verlusten ... Auch am Rhein, einen Uferpfad im Gehölz entlang, bei schmetterndem Vogelgesang, bin ich spaziert. Gewaltige Weiden spiegelten ihr blasses Grüngrau in den Buchten und Lachen des ausgetretenen Flusses. Dumpf und fern rollte jener unheimliche Vogesengruß, uneingedenk der.Sonntagsruhe . . . . Der begleitende Gnkel blickte befremdet umher. Nie war er hiev gewesen in den 74 Jahren seines Nonnenweierer Daseins . . . Denn wer im Dorf geht je spazieren? Ein einziger Mensch, der sein Fischernetz aus dem Rhein zog, begegnete uns auf diesen Wegen, in die die schmale Zeile des blauen Sonntags- Himmels zwischen den Waldbäumen hindurch auf uns niederlachte. . . Das ist Nonnenweier, die Heimat eines starken und gütigen Menschen, der sein blühendes vierzigjähriges Mannesleben aus-