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Liberales Judentum · 1915-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1915) · p. Seite 86

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Journal
Liberales Judentum
Volume
7/8 (1915)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1915)
Date
1915-07-01
Page
Seite 86 (sequence 14)
Language
German
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86 Ella Seligmann: Usr hundert Jahren und heute o o o o leistet werden konnte. Line RahÄ Lewin wurde die erste bewußte Vorkämpferin der Frauenbewegung. Welcher gewaltige Unterschied aber zwischen den deutschen Frauen jener vormärzlichen Tage und den Frauen, die heute im Nationalen Frauendienst vereint, arbeiten! — 3n anderer, ruhiger Zeit wollte es uns manchmal beinjah wie mit schmerzlicher VOc\%> mut überkommen, daß dieser stille, feine» Frauentyxus vergangener Tage, wie er uns aus verblaßten Pastellbildern noch anblickt, fast verloren gegangen ist in dem .Wirren und Lasten unseres.modernen Lebens. — Line Henriette Herz war der vornehme Frauentvxus jener Tage. Sie wollte nur ihr Sehnen nach persönlicher Kultur befriedigen, nur ihr inneres Lrleben bereichern. Sie lebte in Schöngeisterei, Wissenschaft und Freundschaftskultus, wenn sie auch in späteren Jahren gern und willig Jüngeren und Bedürftigen von ihren reichen .Wissensschätzen mitteilte. Heute aber wissen wir, daß wir nicht mehr das Recht haben unserer persönlichen Kultur zu leben, wie es unsere Urgroßmütter, die Frauen um 1800 getan haben. Von ihnen haben nur wenige die Kraft gefunden sozial zu arbeiten. Was heute eisernes Gesetz der Notwendigkeit geworden ist, das hat uns Gertrud Bäumer beim Deutschen Frauenkongreß 1912 in einem Vortrag über „die Bedeutung der Frauenbewegung für die persönliche Kultur" gesagt. „Die Frau von heute kann .es einfach nicht mehr fertig bringen, Herz und Hand, Linsicht und Willen von den großen Aufgaben fernzuhalten, die ihrer heute draußen warten. Sie muß verkümmern und versteinern an der besten Kulturkraft, die sie besitzt, an ihrer Liebe, wenn sie im stände ist, sich einen geborgenen Kreis für ausschließliche Selbstkultur, aller Not und allem! .Kampf anderer zum Trotz zu sichern, wenn sie es über sich vermag nicht miterleben und mit durchmachen zu wollen, was anderen zum Schicksal wird. — — — — Wir müssen zu dem Schlüsse kommen: allein in der geistigen Abgeschlossenheit des Hauses, in der die Frau der alten Zeit anmutig!-tätig zur Harmonie des persönlichen Wesens reifte, kann heNte die weibliche Kultur nicht geboren werden, deren unsere Zeit bedarf." Wenn Gertrud Bäumer schon auf dem Frauenkongreß 1912 begeisterten Widerhall für ihre Ausführungen fand, wieviel mehr noch wäre chas heute der Hall! Wir können uns bei diesem gewaltigen Geschehen, das so ganz außer uns liegt, garnicht mehr hinein denken in die Interessenwelt jener Frauen — weltenfern liegt sie uns. Und ebenso weltenfern liegt heute unseren deutschen Jünglingen, die leuchtenden Auges und ernsten Mutes hinausziehen auf das blutige Schlachtfeld, jener thränenreiche, matte Liebesschmerz, der aus Ludwig Börners Briefen an Henriette Herz spricht. — Auch ihre Kenntnis vermittelt uns Hans Landsberg in seinem Buch.- Wenn ich anfangs sagte, daß ich in dem vorliegenden Buche auch Fragen berührt finde, die uns als Juden heute besonders beschäftigen, so möchte ich als Beleg einige Sätze aus dem Tagebuche der Henriette Herz anführen: — — — —: „Das Kind, besonders aber die Mädchen, wurden gar nicht eigentlich im Glauben ihrer Väter unterrichtet, wurden aber angehälten, die Formen desselben zu beachten, d. h. sie mußten all die unzähligen Gebräuche beobachten, welche er oder vielmehr die Rabbiner vorschrieben. Das Mädchen mußte in hebräischer Sprache beten, ohne daß es verstand, was es betete, und ich erinnere mich wohl, mit Andacht und Inbrunst zuweilen so gebetet zu haben, bet-- sonders aber, wenn es gewitterte, was mich fimmer sehr ängstigte, dann sagte ich geschwind viele, irgendwelche Gebete hinter!-

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