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Liberales Judentum · 1915-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1915) · p. Seite 85

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Journal
Liberales Judentum
Volume
7/8 (1915)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1915)
Date
1915-07-01
Page
Seite 85 (sequence 13)
Language
German
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o e Ella Seligmann: Vor hundert Jahren und heute 85 scheiden. Ich bin gewiß, daß Deutschland, der Kern von Europa, in einer schönen Gestalt wieder sich bilden wird; wann aber — und ob nicht erst noch nach weit härteren Trübsalen und nach einer langen Zeit schweren Druckes, das weiß Gott. Ich fürchte nichts als nur bisweilen einen schmählichen Frieden, der einen schein — und nur einen Schein — von National eristenz und Freiheit übrig läßt. Aber auch darüber bin ich ruhig; denn wenn sich die Nation diesen gefallen läßt, so ist sie zu dem .Besseren noch nicht reif, und die härteren Züchtigungen, unter denen sie reisen soll, werden dann nicht lange ausbleiben." Und in einem Brief Schleiermachers an Henriette Herz vom Februar 1807: „Die Schicksale der Menschen, liebe Jette, müßt Du etwas im Großen ansehen. Dann wirst Du in der jetzigen Zeit nichts anders finden, als was uns die Geschichte überall darbietet, daß aus Erschlaffung Zerstörung und sterbender Kampf folgt, während dessen, wenn auch nur eine Schlechtigkeit gegen die andre streitet, die bildenden Kräfte des Guten und die Tüch!- tigkeit des menschlischen Geistes sich Entwickeln." wenn Schleiermacher heute wieder unter uns weilte, dann würde er voll frohgemuten Stolzes sehen, wie Deutschland, dieser „Kern von Europa", sich entwickelt hat zu einem einzigen machtvollen Ganzen. Und sind nicht in diesen Tagen die Worte Schleiermachers wie eine leuchtende Wahrheit in unserer Seele aufgegangen, daß durch den furchtbaren Kampf alles Hohe und Kraftvolle und Edle in den Menschen frei werde und zur Entfaltung gelange? Ja, auf Erschlaffung ist „Zerstörung und sterbender Kampf" gefolgt. Mit gerechter Sorge sahen wir auch bei einem Teil der deutschen Jugend sich mehr und mehr jenes blasse Aesthetentum entwickeln, jenes blut- und saftlose Gebilde, das wir mit Dekadenz bezeichnen. Fertig sein mit Gott und Religion, mit allem Erhabenen und Großen, das uns die Vergangenheit in Kunst und Ethik geschenkt, Vriginalitätssucht um jeden j)reis, sich loslösen von allen alten überkommenen werten, aber nicht im stände sein neue Tafeln an Stelle der zerbrochenen zu setzen! Und nun der alles umwertende Kampf und die stolzen Siege, und wie durch ein reinigendes Gewitter vernichtet all' das Haltlose, Schwache, Uebersättigte bei unseres deutschen Iugvnd. Das deutsche Schwert gezogen zu kühnem Kampf; wiedergefunden der alte Gott: „wir treten zum Beten vor Gott den Gerechten" so klingt das niederländische Dankgebet aus überströmender Seele. Auch bei unserer weiblichen Jugend dasselbe auf Sichselbstbesinnen, das Sich zurücksinden zu vielfach vergessenen — oft fast verspotteten — Hausfrauentugenden. Der lang verachtete, belächelte Strickstrumpf ist fast zum Symbol geworden, ohne den sich keine deutsche Frau, kein deutsches Mädchein mehr blicken lassen mochte in diesen vergangenen trüben wintertagen. In ein eiuziges, großes, nimmermüdes Heer von Helferinnen haben sich die deutschen Frauen verwandelt, im „Nationalen Frauendienst" verbunden. Nicht mehr Frauenbewegung heißt es jetzt. Die deutschen Frauen haben in dieser Zeit an sich selbst vergessen, nur dienen wollen sie, — nichts fordern. wir wollen nicht selbstgerecht sein. Derselbe Opfermut, dieselbe Begeisterung wie heute hatte wohl auch in der Zeit der deutschen Freiheitskriege um 1813 die deutschen Frauen erfaßt, aber damals waren es naturgemäß nur einzelne Frauen, die wirklich zielbewußte Arbeit taten und denen es zum Bewußtsein kam, daß ohne ein straffes Zusammenhalten aller verfügbaren Frauenkräfte nichts Großes für unser Vaterland ge-

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